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Fallstudien | 343
für Museen zu sein, die virtuell ausstellen möchten und selbst nicht über die techni-
schen Mittel verfügen – über den Haufen zu werfen. Indes zeigt sich in der Art, wie
einzelne Ausstellungen funktionieren, immer wieder geradezu eine Vermeidung von
rhizomatischen (oder auch nur netzwerkhaften) Strukturen: Ausstellungen wie Land
of Thundering Snow scheinen nicht etwa darauf abzuzielen, eine bestehende Samm-
lung zu öffnen und die Möglichkeiten zur Assoziation und Vieldeutigkeit über das
hinaus zu erweitern, was die physische Institution anbietet und sie damit folgerichtig
fortzusetzen. Vielmehr hat man den Eindruck, es werde hier der Versuch unternom-
men, noch stärker zu linearisieren, zu narrativieren und den Besucher anzuleiten, als
dies in einem dreidimensionalen Museumsraum überhaupt möglich wäre. Anstatt vir-
tuell wirklich zu kuratieren, werden digitale Broschüren erstellt, die eine weitgehend
lineare Textstruktur mit attraktiven audiovisuellen Effekten versehen, letztlich aber
sowohl hinter den Möglichkeiten sowohl einer klassischen Museumsausstellung, als
auch des Mediensystems WWW zurückbleiben. So wird das VMC zu einer Biblio-
thek kleiner Bildbände, an der Malraux sicher durchaus Freude gehabt hätte, und ist
meta-museal tatsächlich insofern, als dass es zahlreichen Einzelmuseen ein gemein-
sames Dach für die Gestaltung von Inhalten bietet. Es ermöglicht aber keine Kon-
frontation dieser Inhalte über die Grenzen kuratierter Angebote hinweg, und gestattet
auch dem Rezipienten keine Souveränität im Umgang mit dem Angebotenen.
7.2.3 Europeana (www.europeana.de)
Als das zu diesem Zeitpunkt noch als »digitale Bibliothek« bezeichnete und im Rah-
men der Digital Agenda for Europe von der Europäischen Kommission finanzierte
Europeana-Projekt am 20. November 2008 in einer Beta-Version mit zunächst ge-
rade einmal 1.000 digitalisierten Objekten der Öffentlichkeit zugänglich gemacht
wurde, kollabierte die das Unterfangen stützende Serverarchitektur buchstäblich un-
ter der Last des Interesses. Mehr als 10 Millionen Aufrufe in der Stunde legten die
Webseite noch am Tag ihrer Eröffnung lahm, machten ihre Abschaltung bis Mitte
Dezember desselben Jahres erforderlich und ließen die Frankfurter Allgemeine titeln:
»Erfolg ist, wenn man zusammenbricht« (Jungen 2008). Trotz der Selbstbeschrei-
bung als Bibliotheksprojekt war Europeana schon zu diesem Zeitpunkt einem Be-
wahrungs- und Verbreitungsauftrag verpflichtet, der die ganze Spanne europäischer
Kulturgüter umfasste. Hinter der noch sehr beschränkten Beta-Variante stand bereits
2008 ein Fundus von mehr als drei Millionen digitalisierten Büchern, Kunstobjekten,
Fotografien und Filmen, sowie Textdokumenten unterschiedlichster Art, deren Ori-
ginale über mehr als eintausend Einzelsammlungen in 27 Ländern verteilt waren (vgl.
ebd.).
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Dinge – Nutzer – Netze
Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Title
- Dinge – Nutzer – Netze
- Subtitle
- Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Author
- Dennis Niewerth
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4232-6
- Size
- 14.8 x 22.5 cm
- Pages
- 428
- Keywords
- Virtualität, Kulturerbe, Digitalisierung, Neue Medien, Kulturmanagement, Museumswissenschaft, Digitale Medien, Mediengeschichte
- Category
- Medien