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Fallstudien | 351
Library Exhibition gehostet,90 eine dritte über die Napoleonischen Krige von der Eu-
ropean Library.91 Vier jüngere Ausstellungen ‒ Cake? Cake! Sweet exploration of its
history and meaning around the world; We Know This war by Heart. Portugal and
the Great War; Photography on a Silver Plate und To My Peoples! The First World
War 1914-1918 ‒ werden sogar vom Google Cultural Institute betreut, dessen Kern-
angebot das im nächsten Kapitel behandelte Google Art Project ist.92
Diese sehr linearen und textlastigen Auswahlen aus dem Europeana-Fundus sind
nach eigener Angabe in erster Linie als »Schaukästen« des Projektes zu verstehen,
die seine Breite und Reichhaltigkeit demonstrieren sollen.93 Im Kern bleibt Euro-
peana Ideen und Phantasmen verpflichtet, die weniger auf die Geschichte des Muse-
ums als auf jene des WWW bzw. des Mediums Hypertext zurückverweisen: Die
Sammlung soll nicht eine Verfasstheit aufweisen und einem pädagogischen Prinzip
unterworfen sein, sondern vielmehr gänzlich virtuell und damit gänzlich Potentialität
sein. Sie steht gewissermaßen im Konjunktiv und setzt für ihre Aktualisierung in den
Indikativ auf eine Figur, die weder als Besucher noch als Kurator, weder als Flaneur
noch als Detektiv ausgewiesen, in jedem Falle aber produktiv und kreativ ist. Hierbei
geht es weniger um partizipative Modelle von Museumspädagogik als womöglich
um ein tatsächlich ›postmuseales Szenario‹, in welchem die Hauptfunktion des Mu-
seums nicht mehr die Verinnerlichung unseres kulturellen Erbes ist, sondern dessen
Veräußerung und Projektion in seine außermuseale Umwelt. Damit steht Europeana
auch in höchstem Maße im Zeichen eines Malraux᾿schen Kulturverständnisses, in
dem das Museum zum Funktionselement einer sozialen, medialen und technischen
Apparatur wird, mittels welcher es sich letztlich in seiner klassischen Rolle abschafft.
Interessanterweise geht es bei dieser ›Abschaffung‹ aber nicht um ein Ende des Mu-
seums als Einrichtung, als vielmehr um seine Erneuerung als antimonumentale, ver-
netzte und proaktive Institution, als Aktant lebendiger Erinnerungskultur im Gegen-
satz zum statischen Speicher und Erziehungsraum. Insofern wird hier vielleicht sogar
Malraux über sich selbst hinaus weitergedacht und die Rettung des Museums aus der
Idee seiner Überholtheit abgeleitet: Es sind nicht mehr nur die Exponate, die durch
ihre Neuinterpretationen im Ausstellungskontext transformiert und zukunftsfähig ge-
macht werden müssen, sondern die Institution selbst lebt von der Veränderung und
Anpassung an die Erfordernisse und Gelegenheiten wechselnder Epochen. Die
Chance hierzu entsteht womöglich paradoxerweise gerade dann, wenn es in seiner
etablierten Form überflüssig geworden zu sein scheint.
90 Vgl. http://spices.biodiversityexhibition.com/ vom 02.10.2015.
91 Vgl. http://www.theeuropeanlibrary.org/exhibition/napoleonic_wars/index.html vom
02.10.2015.
92 Vgl. https://www.google.com/culturalinstitute/exhibit/to-my-peoples/gQyspHgL?hl=en-
GB vom 02.10.2015.
93 Vgl. http://exhibitions.europeana.eu/about-exhibitions vom 02.10.2015.
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Dinge – Nutzer – Netze
Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Title
- Dinge – Nutzer – Netze
- Subtitle
- Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Author
- Dennis Niewerth
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4232-6
- Size
- 14.8 x 22.5 cm
- Pages
- 428
- Keywords
- Virtualität, Kulturerbe, Digitalisierung, Neue Medien, Kulturmanagement, Museumswissenschaft, Digitale Medien, Mediengeschichte
- Category
- Medien