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354 | Dinge – Nutzer – Netze
einen Teil der linken Bildschirmhälfte ein. Das Gros der Seite besteht aus einer seit-
wärts scrollbaren Aufreihung von Objekten, wobei eben dieses seitwärtige Scrollen
für das Art Project hochgradig programmatisch ist: Gewohnt sind wir es von den
allermeisten Webseiten, auf- und abwärts zu scrollen. Dies ist nur logisch, schließlich
ist das Web immer noch in weiten Teilen ein Schriftmedium, und unsere Schrift läuft
von links nach rechts und von oben nach unten. Die Wendung um 90 Grad erregt
sofort unsere Aufmerksamkeit: Es wird der Effekt einer Galeriewand erzielt – und
damit eine Fortsetzung des Paradigmas der Nachahmung einer physischen Ausstel-
lung, welches dem Prinzip der ›virtual gallery tour‹ zugrunde liegt. Während diese
jedoch die bestehenden Ausstellungskontexte der Originalmuseen nachbildet, beant-
wortet die zweidimensionale ›Galerie‹ unter dem Reiter ›Kunstwerke‹ individuelle
Suchanfragen des Nutzers und kann auf drei unterschiedliche Arten geordnet werden.
Die Einstellung ›Standard‹ sortiert die Objekte auf Basis früherer Anfragen und Aus-
wahlen nach Relevanz (folgt also mustergültig dem ›Prinzip Google‹), während die
Menüpunkte ›älteste zuerst‹ und ›neuste zuerst‹ die gefundenen Objekte nach dem
Alter der Originalobjekte anordnen.100 Jede Suchanfrage lässt also hier ein kleines
imaginäres Museum für den individuellen User entstehen, das sich funktional seinen
Erkenntnisinteressen und Schaugewohnheiten anpasst.
Diese imaginären (bzw. von Mensch und Technik gemeinsam imaginierten) Mu-
seen müssen allerdings nicht in der Vorstellung und auf dem Monitor des Einzelnut-
zers verbleiben. Der vierte Reiter mit dem Titel ›Benutzergalerien‹ öffnet eine Seite,
auf der jeder Besitzer eines Google+-Kontos eine eigene Auswahl aus dem Gesamt-
fundus des Art Project zusammenstellen und veröffentlichen darf. Im September
2015 sind so über 43.000 kleine Galerien entstanden, die sich unterschiedlichsten
Schwerpunkten widmen und von denen einige von Google als »vorgestellte Gale-
rien« herausgehoben werden ‒ hierzu zählen vorrangig solche, in denen Museumsdi-
rektoren der teilnehmenden Einrichtungen ihre Lieblingswerke aus dem eigenen
Haus präsentieren (vgl. Rieger u. Niewerth 2016: 517).101 Die Galerien des Laien-
publikums decken dagegen völlig disparate Interessengebiete ab. So trägt z.B. eine
den Titel KUSS – das Schönste an der Liebe und enthält 11 Darstellungen von Küs-
senden aus ebenso vielen Museen, die von mesoamerikanischen Plastiken aus dem 9.
Jahrhundert über romantische und expressionistische Malerei bis zur chinesischen
Gegenwartskunst reichen.102 Eine andere Nutzergalerie trägt den Titel Landschafts-
aquarelle mit Berücksichtigung der Tiefenkriterien und erklärt sich damit umgehend
100 Vgl. https://www.google.com/culturalinstitute/browse/?c.projectId=art-project&v.view
=room&v.filter =items&hl=de&projectId=art-project vom 13.09.2015.
101 Vgl. https://www.google.com/culturalinstitute/user-galleries?hl=de&projectId=art-
projec vom 13.09.2015.
102 Vgl. https://www.google.com/culturalinstitute/user-gallery/kuss/dwISyzf_xQmEJA?hl
=de&projectId= art-project vom 13.09.2015.
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Dinge – Nutzer – Netze
Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Title
- Dinge – Nutzer – Netze
- Subtitle
- Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Author
- Dennis Niewerth
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4232-6
- Size
- 14.8 x 22.5 cm
- Pages
- 428
- Keywords
- Virtualität, Kulturerbe, Digitalisierung, Neue Medien, Kulturmanagement, Museumswissenschaft, Digitale Medien, Mediengeschichte
- Category
- Medien