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Fallstudien | 375
scheint das DAM sich als Knotenpunkt für Enthusiastennetzwerke zu begreifen –
ohne dabei allerdings in den narrativen ›Plauderton‹ zu verfallen, der das 8bit-Mu-
seum einerseits authentisch und andererseits zugänglich macht. Die einzige Featured
Exhibition des DAM ist im November 2015 eine direkt der regulären Sammlung ent-
nommene Zusammenstellung von Plotter-Grafiken aus den 1960er Jahren – versehen
mit dem Kommentar, dass diese einen der ersten Schritte in der Entwicklung der di-
gitalen Kunst darstellten.174 Eine technikgeschichtliche Einordnung findet schlicht
nicht statt – und wer kein Vorwissen darüber mitbringt, worum es sich bei einem
Plotter überhaupt handelt (nämlich um eine computergesteuerte Zeichenmaschine,
die einen Stift über eine Papierbahn führt), dem wird kein Zugang zum Ausgestellten
geboten.
Unter der Rubrik Essays bietet das DAM schließlich eine kleine Bibliothek von
theoretischen Texten an. Auch hier handelt es sich um Literatur für ›Fortgeschrit-
tene‹, die kaum zur Einführung des Laien in die Geschichte und kulturelle Program-
matik digitaler Kunst herhalten kann. Ein Blick auf die Webseite der zum DAM ge-
hörigen physischen Galerie in der Neuen Jakobstraße in Berlin lässt schließlich deut-
lich werden, dass der Schwerpunkt des DAM eher die Präsentation und Vermarktung
von Künstlerpersönlichkeiten zu sein scheint denn die Aufarbeitung der Kunstge-
schichte des Computers.175 Von Oktober 2015 bis Januar 2016 widmet sich die Ber-
liner Galerie in einer Ausstellung animierten GIF-Grafiken – die verblüffenderweise
nur im physischen Haus zu sehen ist und online nur in Form von nicht-animierten
Standbildern gezeigt wird. Diese tragen nicht minder verblüffenderweise jeweils eine
Angabe zur »Auflage« – offenbar wird die in der Galerie gezeigte digitale Kunst zu
Verkaufszwecken künstlich verknappt.176 Ob diese artifizielle Übertragung der Kate-
gorie des Originals auf den Ausstellungsgegenstand des DAM nun lediglich ge-
schickte Marketingstrategie oder doch cleverer Kommentar über den wesentlichen
Unterschied zwischen klassisch ›analogen‹ und digital-virtuellen Kunstobjekten (und
eine damit verbundene Notwendigkeit zum Umdenken in kulturellen Gewohnheiten)
ist, sei dahingestellt. Als Medienpraxis verweist er in jedem Falle darauf, wie sehr
virtuelle Museen immer noch um ›eigene‹ Authentizitätsstrategien ringen – und wie
groß Gefahr und Versuchung sein können, in Cargo-Kultismus zu verfallen, bzw.:
auf digitale Information unanwendbare Methoden der auratischen Aufladung aus der
physischen Ausstellungstätigkeit in die virtuelle importieren zu wollen.
174 Vgl. http://dam.org/exhibitions/plotter-drawings-from-1960s vom 15.11.2015.
175 Vgl. http://www.dam-gallery.de/index.php?id=7 vom 15.11.2015.
176 Vgl. http://www.dam-gallery.de/index.php?id=51&tx_ttnews[tt_news]=409&cHash=
7f42270ece82faa9dedf15d99676570a vom 15.11.2015.
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Dinge – Nutzer – Netze
Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Title
- Dinge – Nutzer – Netze
- Subtitle
- Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Author
- Dennis Niewerth
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4232-6
- Size
- 14.8 x 22.5 cm
- Pages
- 428
- Keywords
- Virtualität, Kulturerbe, Digitalisierung, Neue Medien, Kulturmanagement, Museumswissenschaft, Digitale Medien, Mediengeschichte
- Category
- Medien