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Vernetzung und der Kooperation nämlich sei diesen bereits eingeschrieben:
»Connection is what we do« (ebd.).
Damit unterstreicht Poole grundsätzlich eine der Kerneinschätzungen dieser Ar-
beit: dass Computer, die Praxis ihrer Vernetzung untereinander und das Medium Hy-
pertext nämlich keinesfalls die Antithese zum Museum und seiner Arbeitsweise dar-
stellen, sondern diese vielmehr mit anderen Mitteln wiederspiegeln ‒ und dass Mu-
seen tatsächlich in vielerlei Hinsicht prädestiniert dafür scheinen, sich ihrer mit Ge-
winn zu bedienen. Während Poole jedoch in Verknüpfung und Vernetzung bereits
das Wesentliche der medientechnologischen Entwicklungen der vergangenen Jahr-
zehnte ausmacht, müssen wir diese mit Rückblick auf die hinter uns liegenden sieben
Kapitel lediglich als eines von vielen Attributen einer tatsächlich ihrem Wesen nach
virtuellen medienhistorischen Situation identifizieren. Diese spezifische Virtualität
verbindet sich gegenwärtig mit digitaler Technik ‒ aber um das soziale und histori-
sche Setting der gegenwärtigen Museumsvirtualisierung zu verstehen, muss der Um-
stand mitgedacht werden, dass das Virtuelle schon lange vor den ersten integrierten
Schaltkreisen immer wieder kulturell wirksam geworden ist.
Dass es sich beim ›virtuellen Museum‹ tatsächlich um einen tautologischen Be-
griff handelt, ist einer der zentralen Befunde dieser Arbeit gewesen. Museen waren
immer schon Räume, in denen das Abwesende vergegenwärtigt und das Implizite
artikulierbar gemacht wurde ‒ und in denen Sinnbildung nicht in der konkreten Äu-
ßerung eines Expertensystems gegenüber einem Laienpublikum bestand, sondern in
der Schaffung von Voraussetzungen für die Deutung von Zusammenhängen. Das Ge-
bot der Stunde scheint zu sein, die der Vorstellung vom virtuellen Museum innewoh-
nende Redundanz eben nicht im Sinne einer inhaltsleeren Tautologie zu verstehen,
sondern als eine Akzentuierung medientheoretischer Tatbestände, für welche das (si-
cher nicht nur zu Unrecht) mantrisch beschworene Leitbild von Materialität und
Echtheit die Museumswissenschaft blind gemacht hat. Wenn – wie mit Suzanne
Keene in Kapitel 6.3.2 festgestellt wurde – die Einführung von Computern und Da-
tenbanksystemen in die museale Verwaltungsarbeit die Museen zu einer bürokrati-
schen ›Professionalisierung‹ und fachlichen Neubewertung ihrer materiellen Samm-
lungsbestände gezwungen hat, so ist mit der Ausweitung der Ausstellungstätigkeit in
computerisierte Interfacesysteme womöglich die Zeit für ein vertieftes Nachdenken
über das Immaterielle des Museums angebrochen. Worin dieses Immaterielle beste-
hen könnte, hat diese Arbeit aus zahlreichen Blickwinkeln beleuchten, naturgemäß
aber nicht abschließend darstellen können: Es umfasst die medial-epistemische und
affektive Funktionalität von Ausstellungen ebenso sehr wie das institutionelle Selbst-
verständnis individueller Häuser, die Bildungswege und Qualifikationsprofile von
Museumsmitarbeitern ebenso wie das Kulturverständnis und die technische Expertise
von politischen Entscheidungsträgern, die kulturelle Sozialisation von Besuchern
ebenso wie das Verhältnis von Museen zur sie umgebenden Außenwelt.
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Dinge – Nutzer – Netze
Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Title
- Dinge – Nutzer – Netze
- Subtitle
- Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Author
- Dennis Niewerth
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4232-6
- Size
- 14.8 x 22.5 cm
- Pages
- 428
- Keywords
- Virtualität, Kulturerbe, Digitalisierung, Neue Medien, Kulturmanagement, Museumswissenschaft, Digitale Medien, Mediengeschichte
- Category
- Medien