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402 | Dinge – Nutzer – Netze
rungen dieser Arbeit mit den Infrastrukturen und Rahmenbedingungen, die das vir-
tuelle Museum technisch, kulturell und diskursiv umgeben: Das Web, in welchem es
heute sein Dasein behaupten muss, ist das Web von Google, Amazon, Facebook und
Co. – und entsprechend lässt es sich über das virtuelle Museum nicht sprechen, ohne
auch über diese Dienste und die medialen Praktiken zu reden, die aus ihnen hervor-
gegangen sind und von ihnen normalisiert wurden und werden.
Insbesondere die Idee vom ›absoluten‹ oder ›Meta‹-Museum, die als utopisches
Fernziel oder zu verhinderndes Endzeitszenario der Museumsvirtualisierung immer
noch die Rotationsachse zahlreicher museumswissenschaftlicher Debatten darstellt,
scheint in der Fachliteratur von den Realien des WWW völlig abgekoppelt zu sein.
Während Projekte wie Europeana und das Virtual Museum of Canada ohne Zweifel
Ziele verfolgen, die sich als ›meta-museal‹ beschreiben ließen, erscheint es zuneh-
mend unwahrscheinlich, dass ein wie auch immer geartetes ›Museum von Babel‹ tat-
sächlich aus der konkreten Absicht von Kuratoren hervorgehen wird, die Wände zwi-
schen den Sammlungen niederzureißen. Vielmehr scheinen es eben technische
Aktanten zu sein, die nach der Gänze unseres Kulturerbes greifen: Suchmaschinen,
Empfehlungsalgorithmen, analytics und data mining musealisieren das Virtuelle
nicht nach den Vorgaben irgendeiner historischen Didaktik, sondern an der stetig
fluktuierenden Schnittstelle von Individuum und Masse. Millionen von Nutzern leh-
ren das System, was die Einzelperson interessieren könnte ‒ und das System wiede-
rum errichtet um unsere digitalen Platzhalter herum Sinn-›Gebäude‹, die nicht länger
Museen einer wie auch immer beschaffenen Welt sind, sondern vielmehr Museen
unserer selbst bzw. unserer Interessenlagen und Mausklicks. Wie das Museum zum
Graus Paul Valérys die Hinterlassenschaften der materiellen Kultur in sich aufnimmt,
so schwellen Googles Speicher mit den immateriellen Hinterlassenschaften unserer
Entscheidungen für und gegen Links und Webseiten.
Hinter Malrauxs Vorstellung vom Imaginärem Museum stand die Hoffnung und
Erwartung, dass die technische Reproduzierbarkeit von Kunstobjekten eine Kultur
der Abbilder entstehen lassen würde, in der nicht nur buchstäblich alles für jeder-
mann verfügbar sein, sondern in der auch jedes Objekt ständig in der Gesamtheit
seiner möglichen Deutungskontexte stehen würde. In gewisser Weise hat das Web
einen großen Teil dieses Versprechens eingelöst – allerdings um den Preis der Ab-
tretung kuratorischer Autorschaften an ein weitgehend ›kulturloses‹ System kyber-
netischer Rückkopplungen, hinter dem in erster Linie privatwirtschaftliche Interessen
stehen und somit nicht etwa die Ideale emanzipatorischer Herzensbildung, sondern
die Absicht von Dienstleistern, die scheinbaren Bedürfnisse ihrer Kundschaft zu be-
friedigen.
Die Musealisierung des Virtuellen müsste daher auch beinhalten, das museale
Moment des Besonderen, des Außeralltäglichen, womöglich der Andacht innerhalb
der Normalität des Datenabrufs wiederherzustellen. Hierfür kann es keine Universa-
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Dinge – Nutzer – Netze
Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Title
- Dinge – Nutzer – Netze
- Subtitle
- Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Author
- Dennis Niewerth
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4232-6
- Size
- 14.8 x 22.5 cm
- Pages
- 428
- Keywords
- Virtualität, Kulturerbe, Digitalisierung, Neue Medien, Kulturmanagement, Museumswissenschaft, Digitale Medien, Mediengeschichte
- Category
- Medien