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408 | Dinge – Nutzer – Netze
wohl den Relevanzkriterien einer wie auch immer definierten Hochkultur wiederset-
zen als auch jenen des stochastisch gemittelten Mainstreams von Suchalgorithmen
und Rankingsystemen.
Die Idee der inhaltlichen Geschlossenheit und der autorschaftlichen Gemachtheit
schwingt in der Selbstbeschreibung von Amateurprojekten als ›Museen‹ unweiger-
lich mit. Ginge es nur darum, Bild- und Textmaterial mit anderen Interessierten zu
teilen, ließe sich dies problemlos über irgendeines der zahlreichen sozialen Netz-
werke abwickeln, die um Gunst und Daten des Publikums buhlen. Der Museumsbe-
griff impliziert eine konkrete, erzählerisch aufgeladene Vermittlungsabsicht mit spe-
zifischer inhaltlicher Stoßrichtung und eine Bereitschaft zur Pflege und Bewahrung
dieser Inhalte, und somit versteckt sich auch hier eine Kontinuität in einem vermeint-
lichen Bruch: Virtuelle Museen erlauben veränderte Akteurskonstellationen in der
Museumslandschaft und damit auch das grundlegende Infragestellen von Didaktiken
und Werten, aber sie lehnen sich dabei an jene Ideale und Prinzipien an, die auch die
physische Institution im Innersten zusammenhalten. Sie stellen eben keine Abkehr
von den Leitideen des klassischen Museumsdispositivs dar ‒ nämlich der Herstellung
von kultureller Kontinuität, der Bewahrung von Dingen und Bedeutungen, der
Fruchtbarmachung der Vergangenheit für die Zukunft und des Anderen für uns ‒
sondern vielmehr den Versuch, dessen Mission auf eine mediale Infrastruktur zu
übertragen, der das Vergessen gerade auch über sich selbst eingeschrieben zu sein
scheint.
Insofern darf die Museumswissenschaft und -praxis durchaus mit Wohlwollen,
wenn nicht gar mit Stolz, auf das virtuelle Museum blicken. Das museale Prinzip des
Lernens und Erlebens ist lebendig, gefragt und zeitgemäß – wenn es sich auch nicht
länger in der alleinigen Obhut professioneller Wissensarbeiter befindet, wenn auch
die Dispositive seiner Rezeption verschachtelter, vielfältiger und uneindeutiger ge-
worden sind, wenn auch ganz neue Wege gefunden werden mussten und müssen, um
Authentizität zu generieren. Die Magie des Museums, seine Verbindung zwischen
Sichtbarem und Unsichtbarem, An- und Abwesendem, seine virtus (die eben schon
immer virtuell war) verschwindet nicht, sondern sie wird neu verhandelt, neu techni-
siert, neu konnotiert und neu inszeniert. Wie das geschieht und was es bewirkt, sind
Fragen, die es entsprechend immer wieder aufs Neue zu beantworten gelten wird.
Das virtuelle Museum ist gewissermaßen selbst ein epistemisches Ding im Rheinber-
ger᾿schen Sinne: Es hat nichts ›Eigentliches‹ an sich, sondern entsteht in der media-
len Praxis und aus ihr heraus ‒ und zu jeder seiner Iterationen lassen sich nur seine
Eigenschaften und Tätigkeiten auflisten, die sich in der Domäne des Technischen
manifestieren.
Diese Beschreibungsarbeit zu leisten, heißt das Technische zu zivilisieren, das
Menschliche zu kennzeichnen und das Museum von Babel laufend neu zu kartieren
‒ mal als Flaneur, mal als Detektiv, aber stets im Bewusstsein, dass auch in den Net-
zen die Musen sitzen.
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Dinge – Nutzer – Netze
Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Title
- Dinge – Nutzer – Netze
- Subtitle
- Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Author
- Dennis Niewerth
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4232-6
- Size
- 14.8 x 22.5 cm
- Pages
- 428
- Keywords
- Virtualität, Kulturerbe, Digitalisierung, Neue Medien, Kulturmanagement, Museumswissenschaft, Digitale Medien, Mediengeschichte
- Category
- Medien