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70 AnfängeaufdemTheater–DerSchrei,denniemandhört!
Zeit 32 Jahre alt] die Technik fehle; die ganz strengenRichter, denen die Entdeckung
einesFehlerswichtiger alsdieFörderungeinesTalents ist, kritisierenso scharf, daßdie
Gefahrnichtgeringist,mankönntemitdenFehlernauchdenMutzuweiteremSchaffen
erschlagenhaben. […]miteinbißchenWohlwollenwürdensiezwar ihreUnfehlbarkeit
wenigerbetonen,dafüraber ihrerhöherenAufgabegerechterwerden.207
DentechnischenUnzulänglichkeitenhält erFeldmanns„seltene[s]Talent […],
mit teilnehmendenundscharfenAugenindieTiefederGesellschaftzusehen
unddasGeschautekühnund lebensvolldarzustellen“, entgegenundbetont,
nicht ohne Spitze gegendieKritik: „DieTechnik, diesenVorwandderUn-
begabten, erwirbtderBegabtebei derArbeit.“ InväterlichemTonfall rät er
schließlich:„Sieschreiberuhigweiter,wie ihrstarkessozialesEmpfindensie
heißt; allesanderewirdsichfinden.“208
Auf sublimeArt undWeise drückt sich darin eine ambivalenteHaltung
gegenüberderAutorinaus,dieFeldmannindasLichtmädchenhafterHilfs-
bedürftigkeit rückt.ColbertsRezensionschließtdennauchmiteinemLoban
denDirektorderVolksbühne,ArthurRundt,derder„Dichterin furcht-und
vorurteilslosdieHandgereicht“209habe.
Trotzdiesesetwasgütig-herablassendenGestusmussbetontwerden,dass
esCarlColbert, derHerausgeberdesAbendwar,derFeldmannnachderen
Anfängen inderZeit einePublikationsmöglichkeit in seinemBlatt geboten
und so ihre journalistischeLaufbahnmaßgeblichmit befördert hat. Bereits
einenMonatnachderUraufführungdesSchrei,denniemandhört!,am24.März
1916,erscheintderersteArtikelvonElseFeldmannimAbend,wosiebiszur
EinstellungdesBlattesmitKriegsenderegelmäßigveröffentlicht.
Als jüdischeAutorinistFeldmann,wieimKapitelüberdieDoppelteAusgren-
zungals JüdinundFraubereitsangesprochen,nebenmisogynenVorbehalten
auchantisemitischenBe-undVerurteilungen ihresWerkes sowie ihrerPer-
sonausgesetzt.Von„schmierigemRealismus,derdemLebenseinenJargon
ablauscht“, sprichtPaulBeckmann,der inHinblickaufdieDarsteller„lobend
hervor[hebt], daß sie trotz allen Eifers nicht gut jüdeln konnten“,210 in der
ArbeiterZeitung,dievier JahrespäterHauptpublikationsortFeldmannswer-
densollte.LudwigUllmannverweist,nichtohneAnerkennungdes„Milieu-
Echten“,dem„einebodenständigeunfreiwilligeLustigkeitundorientalische
Flickenbuntheit“ eigne, „die sonstmeistheuchlerisch subtrahiert“wird, auf
„Tragisch-Widerwärtige[s]“,dasFeldmannin ihremMilieustück„ohneScheu
207 Carl,Colbert:DANr.:34.14.02.1916.S. 4.
208 Ebd.:S.
4.
209 CarlColbert:DA.O. a.: S. 4.
210 PaulBeckmann:Volksbühne.DerSchrei,denniemandhört!In:AZNr.:44.13.02.1916.S. 19.
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Else Feldmann: Schreiben vom Rand
Journalistin und Schriftstellerin im Wien der Zwischenkriegszeit
- Title
- Else Feldmann: Schreiben vom Rand
- Subtitle
- Journalistin und Schriftstellerin im Wien der Zwischenkriegszeit
- Author
- Elisabth H. Debazi
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21213-3
- Size
- 15.8 x 23.4 cm
- Pages
- 306
- Keywords
- L
- Category
- Biographien