Page - 139 - in Else Feldmann: Schreiben vom Rand - Journalistin und Schriftstellerin im Wien der Zwischenkriegszeit
Image of the Page - 139 -
Text of the Page - 139 -
Löwenzahn.EineKindheit (1921) 139
damit als „Markierungszeichen einer je individuellenPerspektive“515 dient.
Hierwird ineinerveraltetensowiemetaphernreichenSpracheerzählt,dieden
Textabschnitt sowohl indieNähedes jüdischenErinnerungsgebotsalsauch
derchassidischenErzähltraditionrückt.
DieMenschenfielenwieheruntergeschosseneVögelundbliebenamWege liegen. […]
IchwaralleinundsahdasTeuerste,das ichhatte, sterben. […]Ichstandundsah indie
Grubehinab.[…]TeuersteSeelen.Anica,Mütterchen.Hier liegt ihruntenundichstehe
oben–einsamerMensch.AlleingingichnachHause.[…]Wennichsieauchrufe,wenn
ichsie rufehundertmal,wenn ichsie rufe tausendmal,wenn ichsie rufealle Jahre,Tag
undNacht, siehörenmichnicht. (LZ44f.)
Der hebräische Imperativ ‚Zachor!‘, ,Erinnere dich!‘, spielt neben demdes
‚Nicht-Vergessens‘einewichtigeRolle innerhalbder jüdischenTradition, inder
ErinnernundErzählenzweientscheidendeKategorienderRettungderstets
bedrohtenIdentitätdarstellen.516DiesesGebot,welchesnichtwenigerals169
Malallein inderToravorkommt,erfülltderVater, indemerseinenKindern
dieGeschichteseinerFamilieweitergibt.
DerFigurdesErzählerskommtdemnacheinewichtigeStellungzu. Inder
chassidischenTradition,einervolkstümlichen,mystischenBewegungdesJu-
dentums, tauchtsie inGestaltdes ‚Zaddik‘,des ‚Gerechten‘, auf,derdieRolle
desVermittlers zwischenGott undWelt einnimmt.MartinBuber, der sich
eingehendmitderchassidischenErzähltraditionbeschäftigthat, sieht indem
„erzählendenWort“einenGaranten,derKontinuitätverkörpert,welcher„das,
wasgeschehenist, faktischindiekommendenGeschlechterhinüber[führt]“.517
InseinerArtderDarstellungdergroßenCholeraepidemiestehtderTextein-
schubimRomansowohldemhistoriographischenalsauchdemlegendenhaften
CharakterderchassidischenErzähltraditionnahe.
Derunverstellte, ‚kindlicheBlick‘–subtileMöglichkeitderSozialkritik
EinenaiveMenschheitvergangenerZeitmeinte,weilKinderkleinsind, sei auch ihrEr-
fassenderWirklichkeitgering.WelcheinIrrtum!KindersinddiegenialstenWissenden
umdiewirklichenDinge.Die kindliche Seele ist der unverlierbareAufbewahrungsort
derGeschehnissemenschlichenLebens,518
schreibtElseFeldmannineinemFeuilletondesArbeiterSonntagundstreicht
damit deutlichdieFähigkeit derunbefangenen, nochdurchkeinerlei inter-
515 Dies.: ImSpiegeleinanderer.O. a.: S. 166.
516 YosefHaimYerushalmi:Zachor–ErinnereDich! JüdischeGeschichteund jüdischesGe-
dächtnis.AusdemAmerikanischenvonWolfgangHeuss.BerlinWagenbach1988.
517 MartinBuber:DiechassidischenBücher.Hellerau.Hegner1984.S. 5.
518 ElseFeldmann:DieSchülerunddieLehrmittel. In:AS01.07.1934.S. 3.
http://creativecommons.org/licenses/by/4.0 | CC BY-NC-ND 4.0
© 2021, Böhlau Verlag Ges.m.b.H. & Co. KG, Zeltgasse 1/6a, A-1080 Wien
back to the
book Else Feldmann: Schreiben vom Rand - Journalistin und Schriftstellerin im Wien der Zwischenkriegszeit"
Else Feldmann: Schreiben vom Rand
Journalistin und Schriftstellerin im Wien der Zwischenkriegszeit
- Title
- Else Feldmann: Schreiben vom Rand
- Subtitle
- Journalistin und Schriftstellerin im Wien der Zwischenkriegszeit
- Author
- Elisabth H. Debazi
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21213-3
- Size
- 15.8 x 23.4 cm
- Pages
- 306
- Keywords
- L
- Category
- Biographien