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LeibderMutter (1924) 151
LaichsgefühlsmäßigeÜberwältigungdurchFaszinationfürdieGroßstadt
einerseits sowieÜberforderungdurchTempo, InformationsfülleundGleich-
zeitigkeitandererseitswirdgleichzuBeginndesRomansdeutlich:
Es [sic!] saßandemgroßenTischmitdenvielenZeitungen,warteteaufdie englischen
undamerikanischenBlätter […]unddurchsuchte sie eilig.Anfangsginger immermit
einergewissenHastundLeidenschaftvor,wennerdiesegroßenZeitungenindenHän-
denhielt, dienachDruckerschwärze rochen, ihnanregten,daßderPuls schneller ging.
[…] Sie versetzten ihn in einenmüdenRausch.VomLeitartikel, der vonder europäi-
schenKrisehandelte,biszudenReklamen:wieDamenschöneBüstenbekommenkönn-
ten.MansahAbbildungenvonMännerköpfen,die imAugenblick inderPolitikundim
öffentlichenLeben eine großeRolle spielten, nebenKöpfen vonMördernundVerbre-
chern,BühnenlieblingenunddasBild einergetötetenProstituierten;Bilder vonneuen,
großartigentechnischenErfindungen,einenKrebsforscherinseinemLaboratorium,die
TrauerfeierlichkeitenfürdenMikado.LaichschloßeineMinutedieAugen,ließdasbrau-
sendeLebenaufsicheinströmen[…].LangsamstiegnachderBegeisterungSchwermut
in ihmauf,undwiederwares ihmzumutewiedamals, als er einsamundallein indem
riesengroßenNewYorker Zentralpark saß:MädchenmitKinderwagen fuhren vorbei,
jungeFrauenlachtenvorMutterglück,undeineFlutvonSchönheitundFreudeleuchte-
teumsiewieeinloderndes, lebendigesTulpenfeld–nurerwartraurigundallein.(LDM
9ff.)
UnterdenvielfachenAusformungendesGroßstadtlebenshebtSimmelweiters
denKonnexzwischenGeldwirtschaftundVerstandesherrschafthervor.Beiden
gemein seidie reineSachlichkeit,mitder sowohlMenschenals auchDinge
behandeltwürden,waseinerseits formaleGerechtigkeit, andererseitsaberauch
rücksichtsloseHärtenachsichziehe:
Geld inderTasche ist Freiheit fürdenMenschen. […]Wieanders ist es,wennerkein
Geldhat.DerMenschläßtdenKopfhängen,verliertdieSinne…ErhatkeinenMut, ist
sich selbst entwertet.Es istwieeineKrankheit, keinGeldzuhaben, einGebrechen, ein
organischesLeiden…(LDM101ff.)
Dieser janusköpfigeCharakterdesGeldes–Mittel zurFreiheit einerseits,Ursa-
chevonLeidenundKrankheit andererseits–wirdauchanLaichsSchicksal
deutlich,dassichtrotzzeitweiligenAufschwungs immerwieder insNegative
wendet:
EinniedergebrochenerMenschohneGeldstandda.Einer,dessenKragenbereitsbraune
Ränderzeigt,dernichtmehrinderLagewar,sohäufigwienötigdieWäschezuwechseln,
undeiner, der einwenig geschwächtwar ausMangel ankräftigerNahrung.Undeiner,
demdieAugen indieHöhlengesunkenwaren,weil ermitten inderNacht, vonSorgen
geweckt,nichtmehreinschlafenkonnteundgrübelnd lag. (LDM102)
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Else Feldmann: Schreiben vom Rand
Journalistin und Schriftstellerin im Wien der Zwischenkriegszeit
- Title
- Else Feldmann: Schreiben vom Rand
- Subtitle
- Journalistin und Schriftstellerin im Wien der Zwischenkriegszeit
- Author
- Elisabth H. Debazi
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21213-3
- Size
- 15.8 x 23.4 cm
- Pages
- 306
- Keywords
- L
- Category
- Biographien