Page - 178 - in Else Feldmann: Schreiben vom Rand - Journalistin und Schriftstellerin im Wien der Zwischenkriegszeit
Image of the Page - 178 -
Text of the Page - 178 -
178 Romane
Mitleid, soSznaider, seikeinebloßemoderneSentimentalität, sondernein
ZugdemokratischerVernunft,wobeidieeigeneSchwäche,wieSchopenhauer
aufzeigt,Schlüssel zumMitleidenwerde:
Wannwirnichtdurch eigene, sonderndurch fremdeLeiden zumWeinenbewegtwer-
den; so geschieht dies dadurch, daßwir uns in der Phantasie lebhaft an die Stelle des
LeidendenversetzenoderauchinseinemSchicksaldasLosderganzenMenschheitund
folglichvor allemunser eigenes [Hervorh.v.m.] erblickenundalsodurcheinenweiten
Umwegimmerdochwiederüberunsselbstweinen,Mitleidmitunsselbstempfinden.611
MitRousseausiehtSznaiderdasMitleidenindenpolitischenAnspruchüber-
führt,diesesLeidstoppenzumüssen,undschreibtdasEmpfindenvonSchuld
Nicht-LeidenderangesichtsdesLeidensandereralsTeildesmodernenEmp-
findens fest, das allennachfolgendenVeränderungen zugrunde liege: „Alle
nachfolgendenRevolutionenwurdenauch imNamendesMitleids geführt,
undbisheutesinddiewahren intellektuellenHeldendiejenigen,die sowohl
mitfühlenalsauchmitleidenkönnen.“612
DasGefühlderSchuldbestimmtauchLaich.Er fühlt sich fürdasAbgleiten
Justines indieProstitutionverantwortlich: „Wäreernurnicht fortgereist,wäre
eran ihrerSeitegebliebenundhättesiegetröstetundihrgeraten,dasniezu
tun…Sokames;währenderes sich inderSommerfrischegutgehen ließ,war
daeinMenschuntergegangen.“ (LDM202)
EngverknüpftmitdemGefühlderSchuld ist imFalleLaichsdasEmpfinden
vonOhnmacht,dasanmehrerenStellenexplizitgeäußertwird:„Erfühlteseine
SchwächeundOhnmacht,eswar ihmnichtgegeben,einMenschenlebenzu
bewahren…“(LDM160)„Dastanderohnmächtigundkonntenichthelfen.“
(LDM42).
Laich ist sichderVergeblichkeit, alsEinzelner etwasbewirkenzuwollen,
schmerzlichbewusst: „Könnte ich ihrLebenneuaufbauenmitEhrlichkeitund
schlichterArbeit!Könnte icheingeachtetesMenschenkindaus ihrmachen!
Undersagte sichverzweifelt,daßerzuschwachundzuohnmächtig sei,umin
dieSpeichenderRäderzugreifen.“ (LDM93)
Mit demBefund Sznaiders, dass dasMitleid in derModerne in denpo-
litischenAnspruch,dasLeid zu stoppen,überführtwordenundGrundlage
allernachfolgendenUmwälzungensei, stimmtLaichspolitischeÜberzeugung
überein:„Sie sindSozialist?“ (LDM110)AlsMensch,dersowohlmitfühlenals
auchmitleidenkann,entsprichtLaichdemmodernenTypusdes intellektuellen
Heldenoder–angesichtsseinerVerletzlichkeitundSchwäche–vielmehreinem
modernen ‚Anti‘-Helden.
611 ArthurSchopenhauer:DieWeltalsWilleundVorstellungI.O. a.: S. 513.
612 NatanSznaider:ÜberdasMitleid imKapitalismus.O. a.: S. 42.
http://creativecommons.org/licenses/by/4.0 | CC BY-NC-ND 4.0
© 2021, Böhlau Verlag Ges.m.b.H. & Co. KG, Zeltgasse 1/6a, A-1080 Wien
back to the
book Else Feldmann: Schreiben vom Rand - Journalistin und Schriftstellerin im Wien der Zwischenkriegszeit"
Else Feldmann: Schreiben vom Rand
Journalistin und Schriftstellerin im Wien der Zwischenkriegszeit
- Title
- Else Feldmann: Schreiben vom Rand
- Subtitle
- Journalistin und Schriftstellerin im Wien der Zwischenkriegszeit
- Author
- Elisabth H. Debazi
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21213-3
- Size
- 15.8 x 23.4 cm
- Pages
- 306
- Keywords
- L
- Category
- Biographien