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196 Romane
MarthasichauchnichtvonihrerSympathie fĂŒreinen jungenMannablenken,
dersieanihrenerstenFreiererinnert: âOh,erwar jungundnett,wie jenerBub
eswar,das tutnichts,daĂichdenke:Wievielwirdermirgeben?Hoffentlich
viel? Ja, sobin ich.â (MUA152)
DerTrunksuchtkannmanMarthazunĂ€chstnichtbezichtigen: ânein, ich
vertragekeinenAlkoholâ(MUA151). ImVerlauf ihresDaseinsalsProstituierte
lernt sieaberdiebewusstseinstrĂŒbendeundenthemmendeWirkungdesAlko-
holszuschĂ€tzen:â[âŠ]hoffentlichwerdeichetwaszutrinkenkriegen,damitdie
Traurigkeitvergeht,unddannbin ichesgarnicht.â (MUA292)ââAbsinthâ, rufe
ichdemKellnerzu.Aber ichweiĂ,wennichtrinke,wirdmirschlechtwerden,
werde ichkrankhafteZustĂ€ndekriegenâeinerlei, ichmuĂtrinken.â (MUA
294)AmEndeist sieebensotrinkfestwieeine ihrerKolleginnenimHausder
FrauFenchel:âDieFranzösinbeiunsbrachteesbiszuvierzehnGlĂ€sernineiner
Nacht.Aberdannwarsieaucheineganzandere.Sie riĂsichdasKleidaufund
tanztemitbloĂerBrust.â (MUA294)âBettyhatmirmancherleibeigebracht.
IchkannvieleGlĂ€serSchnaps trinken.â (MUA357)
AuchdasâProstituiertenlasterâPutzsuchttrifftaufMarthaanfĂ€nglichnichtzu.
Als siebeschlieĂt, einenAufstiegzuwagenundindienoblenViertel zugehen,
packtsieaberplötzlicheinenichtgekannteâTollheit,[âŠ]sichschönanzuziehenâ
(MUA66).Dieseerscheint imRomanallerdingsnichtausschlieĂlichnegativ
konnotiert,sondernerfÀhrteineambivalenteGestaltung,indemdieLustanden
neuenKleidernmitderErkenntnisĂŒberdiemitihnenverbundeneVerĂ€nderung
derSelbst-undFremdwahrnehmungineins fÀllt:
Welche innigeFreude,dieweicheSeideanderHautzuspĂŒren.Es istdas erstemal,daĂ
ichetwasDerartigesanhabeâesmachtganzanders,âwenn ichmich indieserMinute
imSpiegelbetrachte, siehtmeinGesichtandersausalsvorher.
DieEntdeckungdereigenenLeidenschaftkommt indieserSzeneeinemEr-
weckungserlebnisgleich,beidemMarthadieDumpfheit ihresDaseinsvoll zu
Bewusstseinkommt:
MeinMundist so,alsoberetwasKöstlichesschmeckendĂŒrfe.ZumerstenmalweiĂich,
wasSinnlichkeitbedeutet.ZumerstenmalfĂŒhleichgroĂesMitleidmitmirselbstâhatte
ichnicht langeZeit alsAschenputtel gelebt? IchmöchteweinenĂŒbermich.Nein,nicht
besseralseinTier imStall,das friĂtundsichpaart. ImSeidenkleidknie ichnieder,bau-
schedenRockempor,kĂŒssedieSeideâTrĂ€nenstĂŒrzenmirausdenAugen.(MUA66ff.)
SpĂ€terschlĂ€gtderHangzuluxuriöserKleidunginâdenProstituiertenebenfalls
angelasteteâVerschwendungssuchtum:âIchbinwunderbarangezogen[âŠ].
AlledieseSachensindnochnichtbezahlt.AmErstensollensiebezahltwerden
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Else Feldmann: Schreiben vom Rand
Journalistin und Schriftstellerin im Wien der Zwischenkriegszeit
- Title
- Else Feldmann: Schreiben vom Rand
- Subtitle
- Journalistin und Schriftstellerin im Wien der Zwischenkriegszeit
- Author
- Elisabth H. Debazi
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21213-3
- Size
- 15.8 x 23.4 cm
- Pages
- 306
- Keywords
- L
- Category
- Biographien