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MarthaundAntonia(1934) 201
gehaltenwerden“.676Deutlichwirddas in einer Szene, alsMartha, die eine
Geschlechtskrankheitauskurierenmussundnichtarbeitenkann,anstelleder
SchwesteraufdenMarktzumEinkaufengehtundfüreinenAugenblickdie
AuslöschungihrerSchmachdurchdieeigeneAuslöschungherbeisehnt:
Inderkalten,halbdunklenMorgenfrühekann ichdasLeben,wie ichesnochvorganz
kurzerZeitführte,kaumverstehen,ichfragemich:Welchebinich?DiemitderEinkaufs-
tasche?Dieda geht?Oderdie andreGeschminkte,Mißbrauchte,Geohrfeigte…Nein,
nein, ich fühlemichbesudelt,meineSeele istwiemitAussatzbedeckt.Diekaumsicht-
barenSchneeflocken irritierenmich–einenAugenblickwünschte ich, daßder Schnee
ganzdichtfieleundmichzudeckte, daß ichganzdarunter verschwände–ausderWelt
verschwände. (MUA118)
In solchenAugenblicken sindesderGedankeandieFamilieunddieSorge
fürsie,dieMarthaaufrechthaltenundihremalsminderwertigempfundenen
LebenBerechtigungverleihen:
Abermanchmalstehtmanalleinda.FurchtbareEinsamkeitkommtübereinen.Zwangs-
vorstellungenvonTodundHölle,voneinemschwarzenTeufel,derhintereinemher ist,
einemüberdieSchulterblicktundlacht.AussolchenHeimsuchungenretteichmichnur
dadurch, daß ich anAntoniadenke, anVater, auch anGustavundLudwig.Würde ich
niemandenhaben,andenichdächte,fielemichWahnsinnan.Nein–ichdarfnichtganz
alleinsein, ichmußfür jemandensorgendürfen,das istmeineRettung. (MUA96)
Dabeigehtsie sogarsoweit,AntoniasKindohneWissenderMutterzusich
nehmenzuwollen,umfüreszusorgen(vgl.MUA360).
Bei alledemempfindetMartha ihrLeben zunächst garnicht als schlecht.
DieSchmachderProstitutionwird indenerstenJahrenbeiweitemdurch ihre
VorzügeüberwogenunddurchdieErfahrungvonNotundSchicksalsschlägen
relativiert:
Im allgemeinenmöchte ichmich nicht beklagen, daßmein Leben sich düsterer oder
verzweifelter gestaltete in derZeit, da ichnoch ‚anständig‘war.Düster ist derHunger
gewesen, düster war, derMutter Sterben zu sehen, das kleine, geliebte Schwesterchen
durchblindenZufallzuverlieren,undalleandereVerzweiflungwarkeinGeldundBrot,
fürSeife,fürdieWohnungsmietezuhaben.[…]IchkonnteGustavineinebessereSchule
schicken,demVater,wennerwiedereinmal imKrankenhauslag,Lebertranmitbringen.
(MUA41)
In FeldmannsRomanbewahrheitet sich aber Bauers Feststellung, dass die
Prostituierten zunächst von demneuen Leben geblendet würden und nur
676 Ebd.:S.
528.
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Else Feldmann: Schreiben vom Rand
Journalistin und Schriftstellerin im Wien der Zwischenkriegszeit
- Title
- Else Feldmann: Schreiben vom Rand
- Subtitle
- Journalistin und Schriftstellerin im Wien der Zwischenkriegszeit
- Author
- Elisabth H. Debazi
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21213-3
- Size
- 15.8 x 23.4 cm
- Pages
- 306
- Keywords
- L
- Category
- Biographien