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208 Romane
indieEngegetriebengerätdieProstituierte ineinen„irrsinnigenZorn,daß
ichdemjenigenandieGurgel springe,dennichweißes, ichbin imRecht“.693
IhreWutentspringtdabeiwohlnichtnurderAblehnungdesMannes, son-
dernvielmehrderVerzweiflung,alsProstituierte für immerstigmatisiert zu
sein:„es[gibt]keinVergessenbeimMenschen“(MUA129).DarinistsieMartha
ausdemRomanzuvergleichen,die indergemeinsammitHorowskyverbrach-
tenNacht auf derRückreise nachWien „gegen [sich] selberwütet“ (MUA
338).
DenVorschlag ihrerSchwester,dass sie ihreVergangenheitnichtpreisgeben
müsse,lehntMarthabrüskabundwirftderSchwesterOpportunismusvor:„‚Du
kannst sosprechen,undso,wieesdirpaßt,baldfindestdu,manmüssenicht
allesanbinden,baldbistdufürRechtschaffenheitundWahrheit.‘“ (MUA129)
AlsProstituiertevonderGesellschaftohnehinderLügenhaftigkeitbezichtigt,
fürchtet sie,dasseineUnaufrichtigkeit schlimmeFolgenhabenwürde:„Ihnzu
belügen,würdeernieverzeihen,erkönntedieseDingegarnichtverstehen.“
(MUA277)
Recht gibt ihr indieserHinsicht dasVerhaltenderFrauDr.Weisfeit, die
Marthazunächst„wieeineFee“erscheint,die sich ihrerannehmenwürde,die
sie imGrundeabernurals„Arbeitsmaschine,diestets fürsiebereitdasteht“
(MUA127),gebrauchtundentlässt,alssievonMarthasVorlebenerfährt:„‚Der
Polizeiarzthat sieerkannt […]. IchhabeSiedochersucht,mirdieWahrheit zu
sagen.‘“(MUA132)MitderAusweglosigkeitvonMarthasSituationkonfrontiert
–„DannhättemichdieFrauDoktoraufderStelleweggeschickt,mußte ich
fürchten,darumhabe ichnichtsgesagt.“–, zeigt sichdieBigotteriederFrau
Doktor. AlsMitglied einesVereins fürGesundheitswesen fordert sie zwar,
„denarmenGeschöpfenvonderStraße [zu]helfen, [wir]müssen sie indie
FreudigkeiteinesBerufes, einerArbeit stellen“(MUA133). Ihrgegenteiliges
Handelnversucht sievorMarthaaber„alsMutter“zurechtfertigen, indemsie
vorgibt: „[…]‚wäre ichallein,hätte ichnichtsdagegen,Siebeimirzubehalten
[…].‘“ (MUA134)Aber: „‚Nicht ichhabehier zu sprechen, ichkann sie in
einemHaus,wozwei jungeMädchenheranwachsen,nichthalten,dasmüssen
SieeinsehenbeiIhrerIntelligenz.Estutmirsogarsehr leidumSie.“(MUA133)
DamitübtFeldmanninihremliterarischenSchaffenversteckteKritikandem
Auseinanderklaffenzwischen theoretischenBekenntnissenundderRealität
sozialreformerischerProjekte,wiesiesie inihrerArbeitalsJournalistinvielfach
unterstützt:„[…]ichwerdewütend, ihrSchönredentreibtmirdieGalle. ‚Wozu
sprechenSieandersals siehandeln.‘“ (MUA134)
DenErklärungsversuchderFrauDoktor,es sei„nicht ihreSchuld“–„Wir
müssendieganzenZuständeändern,daranarbeite siemit.WirsindReformer,
693 Ebd.:S.
8.
http://creativecommons.org/licenses/by/4.0 | CC BY-NC-ND 4.0
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Else Feldmann: Schreiben vom Rand
Journalistin und Schriftstellerin im Wien der Zwischenkriegszeit
- Title
- Else Feldmann: Schreiben vom Rand
- Subtitle
- Journalistin und Schriftstellerin im Wien der Zwischenkriegszeit
- Author
- Elisabth H. Debazi
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21213-3
- Size
- 15.8 x 23.4 cm
- Pages
- 306
- Keywords
- L
- Category
- Biographien