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RaumalsâklarsteDokumentierungrealerKrĂ€fteâ 217
MenschensichimKontaktmiteinanderunvermeidlichGrenzensetzen,umdie
SphÀre ihrerPersönlichkeit zuwahren,wirkenseelischeBegrenzungsprozesse,
dieAusdruck inderVerrÀumlichungfinden.
Daraus folgt,dassâ[d]ieGrenze[âŠ]nichtnureinerĂ€umlicheTatsachemit
soziologischenWirkungen[ist], sonderneinesoziologischeTatsache,diesich
rĂ€umlichformtâ.720Grenze,verstandenalssoziologischeFunktion,wirdzurâle-
bendigenEnergieâ,dieeinerseitsaneinanderdrĂ€ngtundnichtsauseinerentstan-
denenEinheitherauslĂ€sst,sichandererseitsâwieeinephysischeGewalt,dienach
beidenSeitenhinRepulsionenausstrahltâ,721 zwischenzweiSphĂ€renschiebt.
Feldmannthematisiert sowohldasein-alsauchdasausschlieĂendeMoment
derGrenze,wobeisienichtnurdessenphysische,sondernauchdiepsychischen
AuswirkungenaufdasmenschlicheZusammenlebenaufzeigt: â[âŠ]nichts ist
fĂŒrmichmehrerschĂŒtternd, alsdieErkenntnis,daĂderMensch inderNot
undimUnglĂŒckvonseinenMitmenschenabgeschiedenist, als lebteernicht
diesesDasein, sonderneinanderesâwieaufeinemanderenStern!â722 âDaĂes
soetwasSchlimmesgibt, einMenschweiĂnichtsvomanderen.â (MUA109)
Deutlichwirddas z. B. in demRomanMarthaundAntonia,wosichdie
ZugehörigkeitMarthaszurWeltderProstitutionalsGrenzezwischendiebeiden
bisdahinengverbundenenSchwestern legt: âSie lebt ineineranderenWelt,
nichtmehr indermeinen.â (MUA238)GelingtAntoniaderAufstiegzueinem
ânormalenâLeben,vondemMarthaâsoweitentfernt [ist],wiederHimmelvon
derErdeâ(MUA124),kannMarthaausderSphĂ€rederProstitutionnichtmehr
heraus:âIchkönnteweinendarĂŒber,daĂmeinLebenineinerbestimmtenBahn
lĂ€uftâohnedaĂichesaufhaltenkannâunwiderruflich.â (MUA103)
RÀumlichenAusdruckfindet dieTrennungdieser beidenWelten z. B. in
demâStrichâ,derdenBezirkderProstituiertenvondenumliegendenabgrenzt
ââGanzoben,amEndederGasse, ist einkurzerStrich,ungefĂ€hrdreiHĂ€user
entlangundumdieEcke.â (MUA33)â,aberauchindemUmstand,dass fĂŒr
MarthabestimmteBereicheunzugĂ€nglichwerden:âWiegern ichauchwollte,
wagte ich nicht, Antonia, sei es auch nur von fern, auf ihremArbeitsplatz
aufzusuchen. Ichwollte ihrkeineSchandemachen; eskonntemich jemand
erkennen.â (MUA42)GleichesgiltumgekehrtauchfĂŒrMartha: âMankannja
niemandemsagen,daĂdumeineSchwesterbist!â (MUA99)
DasGefĂŒhlenwieSchamoderEkel inhĂ€rentePotentialder(Selbst-)Ausgren-
zungfindetsichbeiFeldmannanmehrerenStellen:SozumBeispiel inLeibder
Mutter,woesFrauFehrenheit,dieâdenSommersonntagaufderKellertreppe
720 Ebd.:S.Â
141.
721 Ebd.:S.Â
141.
722 AlexanderKluy(Hg.):ElseFeldmann.TravestiederLiebeundandereErzÀhlungen.Wien.
editionatelier2013.S. 89.
http://creativecommons.org/licenses/by/4.0 | CC BY-NC-ND 4.0
© 2021, Böhlau Verlag Ges.m.b.H. & Co. KG, Zeltgasse 1/6a, A-1080 Wien
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Else Feldmann: Schreiben vom Rand
Journalistin und Schriftstellerin im Wien der Zwischenkriegszeit
- Title
- Else Feldmann: Schreiben vom Rand
- Subtitle
- Journalistin und Schriftstellerin im Wien der Zwischenkriegszeit
- Author
- Elisabth H. Debazi
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21213-3
- Size
- 15.8 x 23.4 cm
- Pages
- 306
- Keywords
- L
- Category
- Biographien