Page - 218 - in Else Feldmann: Schreiben vom Rand - Journalistin und Schriftstellerin im Wien der Zwischenkriegszeit
Image of the Page - 218 -
Text of the Page - 218 -
218 PoetikdesSchreibensvomRand
vordemHofmitdemEisenlagerâverbringt,davonabhĂ€lt,mit ihrenKindern
aufdie schönereSeitederGassezuwechselnodermit ihnen indenParkzu
gehen:â,WarumgehensienichtaufdieGassenseite,woSonneist?â, fragteer
dieFrau.Nein, siewillnichtgesehenwerdenaneinemSonntag, sieundihre
Kinder.Sieblieben lieberhier,wokeineLeutewaren.â (LDM136)
AlssichMarianne,dieProtagonistin indemKindheitsromanLöwenzahn,
derArmut ihrerFamiliebewusstwird,versuchtsienichtmehr,Freundschaft
mitMĂ€dchenihrerKlassezuschlieĂen:âJa,dasbegriff ich. Ichwarbnunnicht
mehrumOlgaWeltundhatteauchnichtmehrdenMut,eineanderezufragen,
sonderngingfortanalleindieWandentlang.â (LZ22)
EineunmissverstÀndlicheundumnichtswenigerverletzendeGrenzezieht
Antonia:
[âŠ] ebenwollte ich [Martha,Anm.v.m.] fĂŒrGustav einButterbrot streichen [âŠ], als
mirAntoniadenTeller fortzog, ichsolledas lassen,undsichmiteinemGesichtvonmir
abwandte,wiewennmanEkel spĂŒrt. âNein, faĂdunurnichtsEĂbaresmitdenHĂ€nden
an.â Ichverstandsienicht, fragtewarum.Dasteiftemich ihrBlick,ohnedaĂsie sprach,
ichverstanddieseAntwortâŠ(MUA37)
Unsichtbare âGrenzen imKopfâwirkenbei denBewohnernvonLichtental,
denendie Integrationnichtgelingt. Feldmannbeschreibt sie ineinemihrer
FeuilletonsalsâDorfbewohner[âŠ]inderGroĂstadtâ,denenâetwasPanikhaf-
tesâanhaftet: âEs ist, alskĂ€meeinWirbelwindvonauĂenherzu ihrenkleinen,
verstecktenHĂ€uschenundbrĂ€chtealles,was ihnendieGroĂstadtzubietenhat:
Krankheit,Not,TodundVerderben.â723EinPhĂ€nomen,dasMarderthaner/-
MusnerbeiihremVersuch,dieStadtalsTextdesSozialenzulesen,rĂŒckblickend
ebenfalls feststellen.
Dadurch,dasssichdiemarginalisiertenMassenderVorstÀdtesozialnichtnur
aus âimmerschondagewesenenâurbanenUnterschichtenzusammensetzten,
sondern auch eine groĂeZahl jĂŒngst zugewanderterMigrantenumfassten,
derenSehnsĂŒchtenacheinembesserenLebeninderGroĂstadtandenneuen
RealitÀten vonArbeit, KonsumundReproduktion zu zerbrechen drohten,
suchtensieâmitdemâDorf imKopfâ [âŠ]einenkonkretenOrt,gleichsameine
neueHeimat ineinervonTechnik,WissenschaftundplanerischerVernunft
[âŠ] geprĂ€gten stĂ€dtischenTopographie. [âŠ]AndenRandder Peripherie
gedrĂ€ngtâ, solltensie sichaberâkeineneueHeimatschaffen, sondernvielmehr
sich insubjektiverVerelendungundindividuellerwiekollektiverVerfremdung
wiederfindenâ,724wiesieFeldmannbeschreibt.
723 ElseFeldmann:DieHeimatdeskleinenKohlendiebes.In:DerneueAbend.Nr.:1.10.06.1918.
S. 3â4.Hier:S. 3.
724 WolfangMarderthaner;LutzMusner:DieAnarchiederVorstadt.DasandereWienum1900.
FrankfurtamMain,NewYork.CampusVerlag20002. S. 15.
http://creativecommons.org/licenses/by/4.0 | CC BY-NC-ND 4.0
© 2021, Böhlau Verlag Ges.m.b.H. & Co. KG, Zeltgasse 1/6a, A-1080 Wien
back to the
book Else Feldmann: Schreiben vom Rand - Journalistin und Schriftstellerin im Wien der Zwischenkriegszeit"
Else Feldmann: Schreiben vom Rand
Journalistin und Schriftstellerin im Wien der Zwischenkriegszeit
- Title
- Else Feldmann: Schreiben vom Rand
- Subtitle
- Journalistin und Schriftstellerin im Wien der Zwischenkriegszeit
- Author
- Elisabth H. Debazi
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21213-3
- Size
- 15.8 x 23.4 cm
- Pages
- 306
- Keywords
- L
- Category
- Biographien