Page - 230 - in Else Feldmann: Schreiben vom Rand - Journalistin und Schriftstellerin im Wien der Zwischenkriegszeit
Image of the Page - 230 -
Text of the Page - 230 -
230 PoetikdesSchreibensvomRand
Individualisierung
NebendersoziologischenBedeutungdesimRaumfestgemachtenPunkteszeigt
Simmeldieder IndividualisierungdesOrtesauf.Sostellt eru.Â
a.dieBelegung
vonHäusernmitEigennamenderanonymenNummerierungvonStraßen,aber
auchvonPersonen(z. B.:Kellnern,Kutschern)gegenüber. ImUnterschiedzu
derBezeichnungdurchNummern,verleihtdasmiteinemEigennamenbelegte
HausdendarinwohnendenPersonendasGefühlderräumlichenIndividualität
undgibtihrerZugehörigkeiteineQualität,dieihrerExistenzeinGefühlhöherer
Einzigartigkeitvermittelt.
BeiFeldmannkommtdieWirkungsolch individualisierterOrte,wieschon
imFallederGrenze,vielfachexnegativozumTragen.WiezumBeispiel,wenn
siemehrfach auf dendarin enthaltenenZynismus vonBezeichnungenwie
„Greisenanstalt,Siechenhaus,HausderUnheilbaren“hinweist:„Wiegrauenhafte
BezeichnungensinddieWorte […].NurMenschen,dienichtdenken,ohne
Seele,ohneGemüt,bodenlosroheoderbodenlosdummekonntenHeimstätten
fürMenschensolcheNamengeben.“749
AberauchdieBeschreibungdesFehlens solcherOrtebetontdas fĂĽrviele
ihrerFigurenparadigmatischeGefühlderUnzugehörigkeit. IneinemFeuil-
letonbeschreibtFeldmanndasHauseinerFreundin, indemsiealsKindzu
Besuchwar:„Eswareinaltes,kleines,finsteresHäuschen. ImFlurbrannteden
ganzenTageineGasflammeundmirwurdegesagt, ichmĂĽsse festaufstampfen,
wenn ichdieTreppehinaufliefe, damitdieRatten sichverzögen.“Kleinheit
undSchäbigkeitdiesesHauses tunder,eindeutigeZugehörigkeitmanifestie-
renden,QualitätdesOrtesallerdingskeinenAbbruch:„[…]aberallesgehörte
ihnenvomKellerbiszumBoden.“DasHaus,das seinenBewohnern–„Eswar
eineMengekleinerKinder imHause–GeschwistermeinerFreundin.“–,das
GefühlderräumlichenIndividualitätundZusammengehörigkeitvermittelt–
eswar„eineStubevollVerwandten“–, lässtderAußenstehenden ihrNicht-
verortet-SeinumsodeutlicherzuBewusstseinkommen:„Ichwar fremdunter
Fremden.“750
DasGefĂĽhlderFremdheitundderVerlusteinervertrautenUmgebungist
auchThemainFeldmannsletztem,1935inderArbeiterWocheveröffentlichten,
Feuilleton, indemsievoneinemdervielenUmzĂĽge ihrereigenenFamiliebe-
richtet: „Hierwar ichschonmehrere Jahregewesen–undjetztmußte ichweg.
[…]InderneuenSchulewaresmirsehrfremd.Eswarallesganzandersalsbei
uns.“ IndemWunsch,dasverlorene,besonders füreinsich imEntwicklungs-
prozessbefindlichesKindwichtigeGefühlderVertrautheit–wennauchnur
749 ElseFeldmann:AlteMenschen. In:NWJNr.:9271.25.08.1919.S. 3–4.Hier:S. 3.; vgl. auch
dies.:DieStättedesGrauens.NWJNr.:9494.11.04.1920.S. 6.
750 ElseFeldmann:BlumenamFenster. In:NWJNr.:9242.27.07.1919.S. 8.
http://creativecommons.org/licenses/by/4.0 | CC BY-NC-ND 4.0
© 2021, Böhlau Verlag Ges.m.b.H. & Co. KG, Zeltgasse 1/6a, A-1080 Wien
back to the
book Else Feldmann: Schreiben vom Rand - Journalistin und Schriftstellerin im Wien der Zwischenkriegszeit"
Else Feldmann: Schreiben vom Rand
Journalistin und Schriftstellerin im Wien der Zwischenkriegszeit
- Title
- Else Feldmann: Schreiben vom Rand
- Subtitle
- Journalistin und Schriftstellerin im Wien der Zwischenkriegszeit
- Author
- Elisabth H. Debazi
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21213-3
- Size
- 15.8 x 23.4 cm
- Pages
- 306
- Keywords
- L
- Category
- Biographien