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Raumals„klarsteDokumentierungrealerKräfte“ 251
FeldmannselbstwidmetdemHaus ihrerKindheit eineigenesFeuilleton, in
demsieauszeitlicherDistanzRückschauaufdas„Kinderhaus“,wiedieLeutees
damalsnannten,hält: „InderErinnerungist immerallesviel schöneralses in
Wirklichkeitwar–vielverklärter,miteinemfeinenAnhauchvonTraum.[…]
Nein, ichwar indiesemHauseniemalsglücklich,obwohldamalsdiegoldene
Jugendzeitwar.“802
Der leereRaum
Als letztes führt Simmel dieBedeutungdes leerenRaumes an, indemsich
bestimmtegesellschaftlicheBeziehungensowohlnegativerwieauchpositiver
Artausdrücken,undüberträgt sieauchaufpersönlicheBeziehungen:Sogebe
eszwischenzweiMenschenofteinGebietodereinenGegenstand,überden
Stillschweigenvereinbartwird,weil eineBerührungzuschmerzlichwäreoder
aberKonfliktpotentialbirgt.
Ach, dieses Schweigen imHaus. AuchVater ist schweigsam. Ich frage ihn, wie esmit
seinenBeinen steht […]. ,Die Beine sind verheilt‘, sagt derVater zuMartha – andere
Wunden schmerzen.Damitmeint ermich. Ichbin eineWunde für seinHerz,weil ich
aufderStraßeGeldverdiene. (MUA44)
VonMarthasBerufsollderBruderLudwignichtserfahren(MUA45),aberauch
er„istschweigsam,wasseinePersonbetrifft.[…]ErschütztsichmiteinerReihe
vonRedensartenvormeinenFragen.“ (MUA119)Unausgesprochenbleibtdie
TatsachederProstitutionauchzwischenMarthaundWladimir: „Nichtdaran
zudenken,diesemMenschenalleszusagen“. (MUA277)
IndergegenseitigenAnerkennungeinessolchenTabuszeigesich,soSimmel,
nichtnurgegenseitigeRücksichtnahme, sondernaucheinegewisseFeigheit
undSchwäche:„Ichweißnicht,was ihrvonmirwollt. ImmerdasRedendurch
dieBlume,diegehässigenBlicke.Sagtmir,was ihrgegenmichhabt.Habtden
MutdazuundseidkeineFeiglinge.“ (MUA69)
ZwischendenSchwesternstautsichdurchdieseVermeidungshaltungeine
negativeEnergieauf,dieschoneinkurzerSeufzerzumAusbruchbringenkann:
„Sie seufztganzkleinauf,daserbostmichwieder.“ (MUA77)IndemPersonen
einGebiet zwischen sich leer ließen, verzichteten sie auf dessenFruchtbar-
machung, die sich, nach einemersten Schock, durchneueVerknüpfungen
entwickelnkönnten.803SolchesgelingtdenbeidenSchwestern inLöwenzahn.
Einmal dachte ich: Ichmuß Johanna vonmeinemTraumerzählen.Nach einerWeile
überlegte ich…es könnte sie trübe stimmen…eswar doch so entsetzlich –wie ein
802 Dies.:DasalteHaus. In:AZNr.:294.20.10.1921.S. 6.
803 Vgl.:GeorgSimmel:ÜberräumlicheProjektionensocialerFormen.O. a.: S. 216.
http://creativecommons.org/licenses/by/4.0 | CC BY-NC-ND 4.0
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Else Feldmann: Schreiben vom Rand
Journalistin und Schriftstellerin im Wien der Zwischenkriegszeit
- Title
- Else Feldmann: Schreiben vom Rand
- Subtitle
- Journalistin und Schriftstellerin im Wien der Zwischenkriegszeit
- Author
- Elisabth H. Debazi
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21213-3
- Size
- 15.8 x 23.4 cm
- Pages
- 306
- Keywords
- L
- Category
- Biographien