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252 PoetikdesSchreibensvomRand
Menschsich ineinenHundverwandelt.Allein–Trotzdemsagte ich: Johanna, ichmuß
dirvoneinemTraumerzählen.Siehörtezu…JavondemHund,deraufrechtging,und
derHundwarstdu. Johannasaßbleichda,miteingesunkenerBrustundatmeteschwer:
…Totenhund…Woherweißt dudas? Ich habe ihn selbst einmal gesehen…[…] In
meinerBrustwar eine tiefeReue:Warumhabe ich ihrgesagt, daß sie sterbenmuß.Sie
wußteesohnehin,aberda iches ihrsagte, zwangich ihreGedankendahin. (LZ285f.)
IndiesemFallkommtesnachdemerstenSchockaberzurÜberwindungdes
Trennenden,dasbisdahinzwischenihnengestandenhatte,undentfaltetdamit
einepositiveKraft:„Nunwarenwir festverbunden.AllesFremdewarvonuns
gefallen.“ (LZ286)
IndiesemZusammenhangkommtSimmelauchaufdieWehrlosigkeitdes
moralischenMenschenzusprechen,deraufegoistischeHandlungenverzichtet,
dieeingewissenloserMenschohneweiteressetzt,umsichVorteilezuverschaf-
fen.Soweigert sichMarthaAntoniagegenüber,dasErbedesBruders, fürden
sie Schuldenbeglichenhat, anzutasten: „gegenmeineBrüderwill ichnicht
unehrlichvorgehen“(MUA164).DamitstehtsiemoralischüberderSchwester,
die ihreArbeitalsProstituierteverachtet.
PositivbedeutsamundinseinerFunktionverbindendwirdder leereRaum,
wennersichalsneutraleZonegestaltet,dieeinunparteilichesZusammentreffen
zweier Parteien ermöglicht. Als solchewird er in der Szene auf demBerg
angedeutet,woMarthaundWladimirdasersteMal fernabdermenschlichen
ZivilisationundihrenGesetzenaufeinandertreffen:„[…]überallhierobenist
jadieUnendlichkeit.“ (MUA303)
InseinerBedeutungnegativundseinerFunktionnachtrennendtauchtder
HorrorVacui inMarthasAngsttraumauf, indemsie ineinemKaufhaus,aus
demalleMenschenhinausströmen,„alseinzige,diedenAusgangnichtfindet,
ineinemleerenRaumübrigbleibt“,dessenTürsichvor ihrschließt:
Daschrie ichundweinte.VonganzobenkameineStimme: ‚Diener!‘, rief jemand laut
inden leerenRaum:UndwirklichkamingroßenStiefelneindicker,hochgewachsener
ManninblauemKittel,packtemich, schleudertemichübervieleStockwerke, ichfiel in
einen Schuppen, und dort kam einRiesenkerl hin und packtemich noch einmal, ich
wollte schreienundkonntenicht,wachteschweißbedecktauf. (MUA296)
AlsOrtder IsolationundderEinsamkeit empfindetder Junggeselle indem
FeuilletonMonologdes Junggesellen sein leeresZimmer:„…ichhabedochnur
solcheAngstvormeinemZimmer…vordemleerenRaum.“804
804 ElseFeldmann:Monologdes Junggesellen. In:DerTagNr.:1797.04.12.1927.S. 20.
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Else Feldmann: Schreiben vom Rand
Journalistin und Schriftstellerin im Wien der Zwischenkriegszeit
- Title
- Else Feldmann: Schreiben vom Rand
- Subtitle
- Journalistin und Schriftstellerin im Wien der Zwischenkriegszeit
- Author
- Elisabth H. Debazi
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21213-3
- Size
- 15.8 x 23.4 cm
- Pages
- 306
- Keywords
- L
- Category
- Biographien