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Der Fürst sammelt in London Innovationen 139
40 Bekannt ist nur, dass es darunter Darstellun-
gen des Royal Naval Hospitals in Greenwich an
der Themse und der Aussicht von Richmond Hill
südwestlich von London gab (vgl. Böckh 1824,
S. 828 – Werkverzeichnis).
41 Vielleicht folgte die Route der 1792 in London
erschienenen Publikation A Topographical Survey
of the Great Road from London to Bath and Bristol,
welche 1803 in England für die Esterházy-
Bibliothek erworben wurde. Demnach hätte die
Reisegesellschaft neben der berühmten Aussicht
von Richmond Hill die klassizistischen Tore von
Sion House, Schloss Windsor, Maidenhead, die
Gärten und künstlichen Grotten im Park von
Place, die mittelalterlichen Bauten in Reading,
die gestalteten Nutzlandschaften von Donning-
ton Grove, die Gärten von Beham und Welford
House, die neopalladianische Vierpavillonfassade
von Tottenham House, die so beliebten neogoti-
schen Gartenpavillons, aber auch den Steinkreis
von Stonehenge und Bath mit den gigantischen
Zirkelbauten des Royal Crescent und den ur-
sprünglich römischen Bädern gesehen.
42 Fischer lernte in London englische Lithografen-
kollegen kennen und wirkte am Werk Specimes
of Polyautography Consisting of Impressions taken
from Original Drawings made on stone purposley
for this Work, London 1803, 1806, mit, das von
Johann Anton André herausgegeben wurde, der
1801 das Patent für Schottland und England und
1802 für Paris von Alois Senefelder erworben
hatte (vgl. Twyman 1970, S. 27ff.).
43 Vgl. Schwarz/Herrmann-Fichtenau 1988, S. 25,
Kat. S. 95f.
44 Vgl. Duschanek 1999, S. 274.
45 Vgl. Nikolaus II. an Henriette Zielinska, 16. Juni
1803, in : MOL, FAE, P134, E, Nr. 775.
46 Am 3. Juli 1803 zurück in London, gab er einen
Empfang für den Prince of Wales, zu dem mit
einer protokollarischen Sondererlaubnis auch
Henriette Zielinska zugelassen wurde (vgl.
Nikolaus II. an Henriette Zielinska, 10. Juni
1803, in : MOL, FAE, P134, E, Nr. 927). Tags
darauf spielte im Hause Starhembergs der
berühmte Virtuose am Kontrabass, Domenico
Dragonetti (1763–1846), vor einer Gesellschaft
um Nikolaus II., zu der der Herzog von Orleans,
der spätere Bürgerkönig Louis Philippe (1773–
1850), der Komponist Jacopo Gotifredo Ferrari
(1763–1842), Graf Franz Joseph Dietrichstein
(1767–1854) und Ferdinand Ernst Waldstein
(1762–1823) geladen waren (vgl. Starhembergs
Tagebuch, Bd. III, S. 67f., in : OÖ LaA, Star-
hemberg Archiv, Sch. 34, zit. in : Heiligensetzer
1995, S. 197), beides wichtige Beethoven-För-
derer. Abwechselnd luden der Kronprinz und Ni-
kolaus die Gesellschaft Londons ein. Einmal soll
der Prince of Wales sogar so viel Bordeauxwein
getrunken haben, dass er am Tisch des Fürsten
sang (vgl. Thürheim 1889, S. 140).
47 Vgl. Starhembergs Tagebuch, Bd. III, S. 67f., in :
OÖ LaA, Starhemberg Archiv, Sch. 34, zit. in :
Heiligensetzer 1995, S. 197. Wahrscheinlich sah lienischer Landschaftsbilder des Fürsten und experimentierten mit der in England
gerade aufkommenden Technik des Steindrucks. Die Lithografie bot neue künstle-
rische Ausdrucks- und vor allem ungeahnte Vervielfältigungsmöglichkeiten42, die
Fischer nach Österreich brachte und die heute zu den Inkunabeln dieser damals
neuen und rasch erfolgreichen Technik zählen43. Dies zeigt einmal mehr die Expe-
rimentierfreude und Offenheit des Fürsten für alles Neue, da er Fischer und dessen
Utensilien zum Steindruck finanzierte44.
Die Kriegserklärung Englands an Frankreich riss Fürst Nikolaus jedoch jäh aus
seiner Reise und ließ ihn im Juni 1803 unruhig an den französischen Außenminis-
ter Charles-Maurice de Talleyrand (1756–1838) schreiben, um Reisepässe durch
Frankreich zu erwirken, »um aus der Mausefalle zu kommen«45, wie er England
bezeichnete. Nikolaus amüsierte sich jedoch daraufhin noch einige Tage bei Fes-
ten, Abendessen und Soireen zusammen mit seinem Freund Prince George46, traf
Künstler und sammelte Inspirationen für Eisenstadt. Er unterwarf sich dabei jedoch
nicht jeder Mode, die er in diesen Tagen erlebte. So lernte Nikolaus über den Kron-
prinzen zwar die englische Bildhauerin Lady Ann Seymour Damer (1748–1828)
kennen, deren neogotisches Schlösschen nahe Twickenham gerade modisches Non-
plusultra war47, doch sollte er das für die Gartenarchitektur so einflussreiche gothical
revival in seine Bauprojekte nie aufnehmen.
2.2 Innovationstransfer von London nach Eisenstadt
London war vor dem Hintergrund der heraufziehenden gesamteuropäischen Krise
für Nikolaus vor allem für wirtschaftliche und technische Belange von Interesse.
Astronomisches Fernrohr (Spiegelteleskop), London, um 1800. Nikolaus II. kaufte es vermutlich 1803 in London
und stellte es in seinem Arbeitszimmer im Schloss Eisenstadt auf. Esterházy Privatstiftung, Schloss Eisenstadt.
Nikolaus II. Esterházy und die Kunst
Biografie eines manischen Sammlers
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Nikolaus II. Esterházy und die Kunst
- Subtitle
- Biografie eines manischen Sammlers
- Author
- Stefan Körner
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2013
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 2.0
- ISBN
- 978-3-205-78922-2
- Size
- 23.0 x 28.0 cm
- Pages
- 404
- Category
- Kunst und Kultur