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GESTALTEN WIE EIN
KÖNIG148 83 »Die Stiege war mit Blumen verziert. 5 Chöre
Musick waren im Wald verteilt, und die Gre-
nadiere paradierten theils bey der Batterie, …
theils oben beym Tempel … Die Musick Chöre
wechselten, der Anblick von ein paar tausend
geputzten Menschen alles dieses sah ganß, und
angenehm aus« (Rosenbaum, Karl Joseph : Tage-
bücher, 15. September 1805, in : ÖNB, Han, Ser.
198, S. 88v).
84 Vgl. Rosenbaum, Karl Joseph : Tagebücher,
4. August 1804, in : ÖNB, Han, Ser. 198, S. 36v.
85 Abbildung der Gedenkmünze in Valkó 1984.
ausbrechenden Unruhen infolge der Bedrohung Österreichs durch Napoléon – der
Dritte Koalitionskrieg hatte Mitteleuropa erreicht – wurden im Juli 1805 feierlich
Gedenkmünzen für den fast fertigen Bau des Tempels im Föhrenwald eingesenkt.
Auch die im September folgenden Namenstagsfeierlichkeiten von Fürstin Maria
Hermenegilde schienen den Einmarsch österreichischer Truppen eine Woche zuvor
in Bayern zu ignorieren. Nikolaus zelebrierte die übliche Festmesse und weihte den
Marientempel als erstes Bauwerk der entstehenden Eisenstädter Kulturlandschaft
feierlich ein83. Der kleine Waldpark des Föhrenwaldes ließ weit über den Besitz der
Familie blicken. Kleine Quellfassungen, eine künstliche Höhle, Brücken und die
Kanonenbatterie, von der aus für fürstliche Gäste Salut geschossen wurde, sowie
das Lusthaus des Marientempels nach französischem Vorbild verschönten den ers-
ten Landschaftsgarten des Fürsten Nikolaus in Eisenstadt, während in Bayern die
Kämpfe begannen und die kaiserliche Familie aus Sicherheitsgründen Wien verließ.
Vielleicht aus Sorge vor der Verschlimmerung der politischen Lage, die das
Bauen unmöglich hätte machen können, und sicher aus gewohnter Hast ließ der
Fürst, ohne die Fertigstellung des »Probestückes« abzuwarten, weiterbauen. Er be-
auftragte Charles Moreau im östlichen Parkteil des Schlossgartens, ein Maschi-
nenhaus für die im Oktober 1804 aus London angekommene Dampfmaschine84 zu
planen und schnell umzusetzen. So wurde dieser kleine Gartenbau zeitgleich mit
dem Marientempel im Juli 1805 fertiggestellt85. Der fast kapellenartige Bau über
griechischem Kreuz hob die Bedeutung der technischen Neuheit hervor, die als
Wasserhebungsmaschine zum Betrieb der geplanten Flussläufe des Gartens das alte
Göpelwerk ersetzen sollte. Aus dem glockenturmartigen Schornstein auf der Vie-
rung des Daches rauchte es nun in die Baumwipfel des im Entstehen begriffenen
Gartens und wurden so die sentimentalen Vorstellungen der Urkraft der Natur, die
durch die Erfindungen des Menschen veredelt wurde, versinnbildlicht. Der Rauch
galt dem zeitgenössischen Publikum als romantisch, und das neuartige technische Baustelle an der Gartenseite des Schlosses
Eisenstadt, Fotografie des verlorenen Aquarells von
Johann Baptist Pölt, 1808. Esterházy Privatstiftung,
Archive, Fotosammlung.
Nikolaus II. Esterházy und die Kunst
Biografie eines manischen Sammlers
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Nikolaus II. Esterházy und die Kunst
- Subtitle
- Biografie eines manischen Sammlers
- Author
- Stefan Körner
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2013
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 2.0
- ISBN
- 978-3-205-78922-2
- Size
- 23.0 x 28.0 cm
- Pages
- 404
- Category
- Kunst und Kultur