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Der Fürst gründet einen Musenhof 195
221 Gaál, Georg v.: Freudengefühl bey Gelegenheit der
Hochfeyerlichen Vermählung …, Eisenstadt 1806.
Für zahlreiche Informationen zur Hochzeit sei
Angelina Pöttschner, Wien, gedankt.
222 Ähnliche Schauspiele der vorgeblichen Stan-
desschrankenverwischung : Petit Hameau Marie
Antoniettes ; das königliche Paretz bei Potsdam,
wo der König den »Dorfschulzen« spielte ; der
Drehberg bei Wörlitz, wo am Geburtstag der
Fürstin olympische Spiele mit den Untertanen
abgehalten wurden. Am 1. August 1810 an-
lässlich einer Fahnenweihe mit der Festmesse
von Antonio Salieri versprach Nikolaus II.
wiederum arme Bauern zu trauen und sie mit
Kleidung und Geld auszustatten ; vgl. Weiss
1980, S. 245 (Esterházy Privatstiftung, Hand-
bibliothek). Das Fest für seine einzige Tochter Leopoldine belegt eindrucksvoll die Herrschafts-
auffassung Nikolaus’ in der Glanzzeit seiner Hofhaltung. Er inszenierte sich wie ein
König. Damit wollte er die Ansprüche des Adels übertrumpfen und darüber hinaus
die europäischen Höfe nachhaltig beeindrucken.
Sein auch hier zu spürender imperialer Anspruch atmet in der pomphaften Aus-
richtung dieser Standeshochzeit beinahe Größenwahnsinn : So hätte das Musik-
und Theaterprogramm mit den besten Künstlern einem jeden Fürstentum Ehre
gemacht und Aufsehen erregt. Die Kulisse des riesigen Schlosses im Ausbau war
von königlichem Anspruch. Der umgebende Herrschaftsbereich wurde gerade zu
einer Kulturlandschaft umgestaltet, die in Ausmaß und Anspruch so manchem
deutschen souveränen Fürstentum glich. Hinzu kamen landesherrliche Würdefor-
meln, wie die prächtig ausgestattete Garde, die militärische Hoheit evozierte und
Gehorsam und Untertänigkeit beim Volk bezweckte. Die Vereinnahmung dieser
Untertanen wiederum erreichte Nikolaus II. durch die vermeintlich aufgeklärte,
aber zutiefst romantische Mittrauung von Bauernpaaren und den anschließenden
Bauerntanz. Diese um 1800 weit verbreitete Sitte des fürstlich-bäuerlichen Festes
rührte aus dem idyllisch-empfindsam weiterentwickelten Aufklärungsmotiv des
»Zurück zur Natur«, das gesellschaftliche Unterschiede zwischen Fürst und Un-
tertan verwischen sollte. Sogar das gesungene Festgedicht eröffnete mit Friedrich
Schillers Ode an die Freude, also den berühmten Pathosversen für das klassische
Ideal einer Gesellschaft gleichberechtigter Menschen, und setzte in einer Weiter-
dichtung auf das Brautpaar und die Freude fort221. – Das Ganze blieb jedoch immer
eine Comédie humaine (nach Honoré de Balzac), da die Bauern für die Fürstenhoch-
zeit eifrig frisiert, neu eingekleidet und sogar für ihren Auftritt bezahlt wurden, also
nur Teil einer inszenierten Gleichberechtigung waren222.
Nikolaus II. wusste sich also wie ein aufgeklärter Landesherr in heiterer Ver-
nunftfreiheit zu inszenieren, nutzte zwar »idealistische Verdachtsmomente« wie die
Bauernhochzeit, stellte aber tatsächlich keinen Augenblick seine Standesherrlich-
keit infrage. Deshalb maß er der Perfektion seines glänzenden Auftrittes höchste
Titelblatt und Auszug des Stimmsatzes der
Theresienmesse von Michael Haydn (1737–1806),
1801. Esterházy Privatstiftung, Kirchenmusikarchiv
(aus dem Nachlass von Michael Haydn).
Nikolaus II. Esterházy und die Kunst
Biografie eines manischen Sammlers
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Nikolaus II. Esterházy und die Kunst
- Subtitle
- Biografie eines manischen Sammlers
- Author
- Stefan Körner
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2013
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 2.0
- ISBN
- 978-3-205-78922-2
- Size
- 23.0 x 28.0 cm
- Pages
- 404
- Category
- Kunst und Kultur