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GESTALTEN WIE EIN
KÖNIG196 223 Preßburger Zeitung, Jg. 1806, Nr. 31 (22. April
1806).
224 Ein sehr genauer Biograf Haydns, der viele
Ansichten noch von Zeitgenossen übernommen
hatte, schrieb über Nikolaus II., dass »er ein
hochfahrender, etwas eitler Herr [war], ganz
von dem Bewußtsein, der mächtigste Magnat
Ungarns und … einer der reichsten Männer der
Welt zu sein … Er war aufbrausend und jähzor-
nig – besonders bei Gehorsamvergehen – auch
unversöhnlich bis zur Rachsucht« (Pohl/Botsti-
ber 1929, S. 107).
225 Nikolaus II. an Ludwig van Beethoven, 9. Au-
gust 1807, in : Thayer 1917–1923, S. 35.
226 McGrann 2003, S. 119–138.
227 Der Brief Nikolaus’ II. an Henriette Zielinska,
wo dies festgehalten sein soll, wird stetig zitiert,
doch ist er im Bestand des MOL nicht auffind-
bar. Zit. in : Hárich 1959 (1), S.
179. Zuletzt
Szilágyi 2009, S. 256, der zitiert : »La messe de
Beethoven est insupportablement ridicule et
détestable. Je ne suis pas convaincu qu’elle puisse
même paraître, honnêtement je suis coléré et
honteux.«
228 Vgl. Schindler 1840, S. 189.
229 »… an den reinsten Kirchsatz gewöhnte Meis-
ter manchen Verstoss gegen denselben rügen
werden …« (E. T. A. Hoffmann : Recension, in :
Leipziger Allgemeine Musikalische Zeitung, Jg. 17
(1813), Nr. 15, Sp. 392).
230 Rosenbaum, Karl Joseph : Tagebücher, 13. Sep-
tember 1807, in : ÖNB, Han, Ser. 199, S.
53r.
231 Journal des Luxus und der Moden (N. F.), Jg. 18
(1808), Januar, S.
29.
232 Johann Nepomuk Hummel an Nikolaus II.
(Konzept), Oktober 1811, Hummel-Nachlass,
Goethe-Museum Düsseldorf, zit. nach : Kröll
1971, Kat.-Nr. 32, S.
15f.
233 Vgl. grundlegend Armstrong 2009, Szerzö 2006.
Bedeutung zu und reagierte umso ungehaltener, wenn seine Inszenierungsallmacht
bedroht schien. Letztlich war der Fürst mit seinen reichlich übersteigerten Gesten
erfolgreich, denn die »Pracht und der Glanz so bey diesem Feste herrschten, über-
treffen Alles was man jemals gesehen hat«223, wie die Preßburger Zeitung berichtete.
Mit einer weiteren Festinszenierung wollte Nikolaus II. im Jahr nach der Hoch-
zeit, 1807, wiederum das Wiener Publikum nach Eisenstadt locken, um es aufs
Vortrefflichste zu unterhalten. Doch dieses Ereignis schädigte den Ruf des Fürsten
nachhaltig, denn es offenbarte seine erzkonservative und jähzornige Seite224.
Nikolaus II. hatte im Frühjahr 1807 Ludwig van Beethoven, der in Wien zuneh-
mende Popularität genoss, mit der Komposition der Namenstagsmesse für die Fürstin
beauftragt, von der er sich »sehr viel verspreche«225, wie er dem Komponisten mitteilte.
Am 13. September wurde Beethovens C-Dur Messe in der Eisenstädter Bergkirche
uraufgeführt, Beethoven dirigierte selbst und Nikolaus reagierte entsetzt226. Angeb-
lich fand er die Messe unerträglich, lächerlich und scheußlich, daher sei er wütend
und beschämt227. Beethoven soll er daraufhin beim anschließenden Empfang gefragt
haben : »Aber mein lieber Beethoven, was haben Sie denn da wieder gemacht ?«228
Doch Nikolaus’ harsche Kritik wandte sich nicht aus Unverstand gegen Beetho-
ven, wie nachfolgende Generationen immer schrieben. Der Fürst bewies kenntnis-
reiche Aufmerksamkeit, denn es war ihm nicht entgangen, dass Beethoven seine
(konservative) Vorliebe für den reinen Kirchensatz einer überlieferten Messtradi-
tion nicht getroffen hatte.
Auch andere Kritiker, wie etwa E. T. A. Hoffmann, bemerkten dies229, manche
sprachen von der »verunglückten Musik Beethovens«230. Erst 1808 lobte das Jour-
nal des Luxus und der Moden die C-Dur Messe als »außerordentlich schöne, ganz
seiner würdige Messe«231 und erkannte wohl als Erstes den avantgardistischen
Charakter von Beethovens Musik in der Loslösung von alten Traditionen. – Für
seinen konservativen Musikgeschmack geriet der Fürst auch mit seinem Kapell-
meister Hummel in Konflikt, der es leid war, die damals als unmodern gescholtene
Kirchenmusik zu setzen und auch noch stilistisch stetig von Nikolaus gemaßregelt
zu werden. Erzürnt schrieb der Künstler seinem Dienstherre : Da »der Fürst kein
Kenner der Musik ist, kann er ein Kunstwerk nicht beurteilen …«232
Nikolaus, der sonst so an den Moden und Neuerungen interessiert war, erwies
sich bei seiner Vorliebe für Kirchenmusik bis zu seinem Lebensende als konser-
vativer Verfechter der Satztradition seiner Kindheit. Dies war aus der damaligen
Sicht veraltet, unmodern und auch für Künstler unlukrativ, da die Kirchenwerke
für Esterházy auf dem allgemeinen Musikmarkt kaum verkäuflich waren. Der Fürst
zeigte sich auf diesem Gebiet allen Neuerungen verschlossen und akzeptierte allein
seinen Willen und Geschmack.
Aus dieser Leidenschaft erwuchs jedoch wiederum ein Sammelgebiet, das auf-
grund des Außenseitertums des Gegenstandes nahezu Vollständigkeit erreichen
konnte. So begann Nikolaus II., zeitgenössische geistliche Autografen und Noten-
materialien in seinem sog. Kirchenmusikarchiv zu sammeln233.
1802 hatte er bereits Kirchenmusik aus dem Nachlass von Karl Kraus, 1807 dann
den gesamten Nachlass von Michael Haydn aus Salzburg erworben. 1809 kaufte er
den musikalischen Nachlass seines Hofkapellmeisters Joseph Haydn auf, es folg-
ten Materialien von Johann Georg Albrechtsberger (1810) und Johann Nepomuk
Fuchs. Mit den systematisch erworbenen Nachlässen dieser sicher bedeutendsten
Nikolaus II. Esterházy und die Kunst
Biografie eines manischen Sammlers
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Nikolaus II. Esterházy und die Kunst
- Subtitle
- Biografie eines manischen Sammlers
- Author
- Stefan Körner
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2013
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 2.0
- ISBN
- 978-3-205-78922-2
- Size
- 23.0 x 28.0 cm
- Pages
- 404
- Category
- Kunst und Kultur