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Tagebuch 1937/3
11. [Juli] (Sonntag).
Die Züge gehen so ungeschickt, daß wir viel Zeit verlieren mit unserm Überlandaus-
flug nach Glasgow. Das Wetter so so lala. D. h. heut früh war es so so, aber für Mittag
ist schon la la für Ostschottland angesagt, nachher improvement. Das gestrige im-
provement haben wir noch gut ausgenützt. Nach unserem Supper gingen wir in den
Garten bei Princes Street, der vom Anfang an, die ganzen Stufen hinunter den gan-
zen Tag einen Bewundererrücken dicht gedrängt zeigt : der kleine eingesetzte Pflänz-
chenteppich, der in Majuskeln u. Ornamenten u. Bildern den Besuch d. Königspaares
verherrlicht. Weiter unten dann um das Freilufttheater (der Sitz 2 pennies) ein andres
Publikum, mit d. Zaungästen herum, dem Bag piper concert lauschend. Das ist eine
sehr aufwühlende Musik, mehr ein Gepemper u. Gezwitscher, jedenfalls näher zu
Afrika als zu Europa. Wir waren natürlich auch unter d. Zaungästen u. stiegen bald d.
Treppenweg zum Schloßhügel hinauf. Es ist so merkwürdig, wenn man paar Schritte
von d. städtischen Zivilisation u. in einem Milieu, das unbedingt an d. Rue de la Paix
erinnert, so einen richtigen Alt-Aussee-Boden unter d. Füßen hat ! Da aber der Gar-
ten bald geschlossen werden sollte, wurde nach uns gepfiffen und gewunken u. alle
diese energischen Gesten zwangen uns herunter u. hinüber u. wir mußten den Berg
mit d. Burg von außen herum umzingeln u. erobern, taten es auch. Durch armselige
Viertel durch. Bettelkinder drängten sich, den Fremdenführer zu machen u. geleiteten
uns mit pathetischem Singsang wie Predigt u. Rhapsodie zugleich die Straße hinauf.
Es war merkwürdig in diesem […] Ton die lokalen Sehenswürdigkeiten vorgeführt
zu bekommen. Der Blick oben wundervoll. In d. Burgarchitektur weiträumiges u.
wohlgeordnetes Renaissancegefühl. Der Platz davor (geschmacklos aber) unauffällige
Denktafeln und
– mal an vergangene Kriege mit Highlander „[…]“. Es hat etwas für
sich, daß man bis gegen elf Uhr, als wäre es immer noch Tag u. Dämmerung, spazie-
ren gehen kann.
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Sonntagabends (Hôtel Lounge).
Unser Tag in Glasgow war nicht anstrengend, aber wir waren müde ; haben auf der
Hin- u. Rückfahrt im Zug geschlafen. Glasgow ist weiß Gott keine schöne Stadt.
Weiträumig ohne Großzügigkeit, Altes u. Neues sieht durch d. gemeinsamen Dreck
drauf aus, wie aus einer Zeit. Die mit Sternchen (Baedeker) ausgezeichnete Kathe-
drale wirkt wie eine (in ein Moorbad getunkte) Kapelle, weil man ein modernes Spi-
tal doppelt so hoch wie die Kathedrale daneben hingestellt hat u. einen Riesenplatz
darum freigelegt hat. Am eindrucksvollsten ist die Stalaktitensilhouette des Friedhofs.
Das Museum am andern Ende ist ein beängstigend großer Bau ; mit der Zeit aber
merkt man, daß seine eine Hälfte d. Natur, sein Unterstock dem Gips und Schiffbau
etc. gewidmet sind und nur zwei Räume – eigentlich nur ein einziger – uns persön-
lich angehen. (Ich sehe ab von einer Serie von geschnitzten Holzreliefs, die „the re-
nowned Tyrolese woodcarver Sonneder – oder sonst wie – gearbeitet hat, u. kürzlich
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Erica Tietze-Conrat
Tagebücher, Volume II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
Entnommena aus FWF-E-Book-Library
- Title
- Erica Tietze-Conrat
- Subtitle
- Tagebücher
- Volume
- II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
- Editor
- Alexandra Caruso
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2015
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79545-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 346
- Category
- Biographien