Page - 151 - in Erica Tietze-Conrat - Tagebücher, Volume II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
Image of the Page - 151 -
Text of the Page - 151 -
151
Tagebuch 1937/3
jemand hergespendet hat. Darstellungen Tiroler Brauchtums, der Andreas Hofer-
kriege etc. Ich nehme an ein Glasgower, der auf Sommer oder Winterfrische in Tirol
war, dort einem Hôtelportier hineingefallen ist u. daheim nicht wusste, was er mit
dem Ankauf machen sollte …) Die Ehebrecherin war leider so gut wie unsichtbar,
so hat sie gespiegelt ! Aber sonst war d. Gallerie sehr interessant ; ein Ant[onello] d[a]
Messina, wirkl[ich] ein Juwel
– aber sicher nicht von Antonello. Sehr eigenartig
– aber
wieder nicht von Jac[opo] Bassano, dem es zugeschrieben war – ein Traum d. Joa-
chim genanntes Bild – vielleicht von einem Niederländer, der Bassano u. Veronese
nahe war. Ein entzückender wohl sehr früher (bez[eichneter]) P[aris] Bordone (eine
sitzende Santa Conversaz[ione] in Landsch[aft]). Ein sehr gutes Calcar gegebenes
Männerportr[ät] Eine Venus mit Erntehommagen von Jan Breughel (von dem auch
eine signierte reizende Z[eichnung] in der Schiffe-Zeichnungen-S[amm]l[un]g in
Edinburgh war), die lebhaft an eine d. Münchner „Palma“blätter erinnerte. Wun-
dervoller Rembrandt und überraschend schöne Ruysdaels (gar nicht so groß, wie er
sonst gewöhnlich ist). Wir waren zwei Stunden bei d. Bildern u. haben uns dann auf
einer Gartenbank u. dann in einem Tearoom ausgeruht. In Edinburgh war alles auf
der Straße, was sonst in Fabrik, Geschäft u. Haus tätig ist, erstens wegen Sonntag,
zweitens weil d. Königspaar heute abreist. Man ging auf u. ab (allerdings nicht so
zahlreich so durchaus jugendlich, von 12 bis 18, so trampelnd u. kreischend trotz auf-
geschriebenen Verbot „laut im Museum zu pfeifen“ wie im Glasgower Museum. Das
nur als Nachtrag zu Glasgow ; es war diese jugendliche Fülle so eindrucksvoll, daß
ich sie nicht verschweigen wollte. Weil es lustig ist auf d. Holzboden mit d. Stöckeln
klappern zu können oder weil d. spiegelnden Gläser so gut zum sich anschauen sind ?
Für jedes
– zarte
– Alter ist dort gesorgt
…) Man saß u. stand im Konzertgarten, man
hörte kommunistische oder konservative Reden an den Garden Corner. An unserer
Ecke waren andre Straßenkonzerte ; in Gruppen von vielleicht 20 Personen an zwei
Stellen postiert waren fromme Kirchenlieder-Sänger in dunklen Kleidern mit dem
Notenblatt
– weiß
– in d. Hand. Aber keine Heilsarmee
…9
12. [Juli]
(Schon in unserer Ecke, Koupé non smoking Edinb[urgh] – London Kings Cross)
Wir haben in unserm freundlichen (aber zum erstenmal auf dieser Reise weit über
unsere Verhältnisse gehenden) Roxburghe Hôtel gleich früh alles fertig gemacht,
sind danach noch vor dem Museum zur Post (Cis’ Brief über B[urgl] und Kurt) und
Nachtmahlkäse kaufen gegangen. Im Museum trafen wir den wirklich charmanten
Cursitor, der uns auch d. Rätsel löste, warum in seinem Museum
– allein !
– die Gläser
vor d. Bildern nicht stören. Er frönt d. Mode d. hellgestrichenen Wände nicht, hält
d. Wände dunkel u. auch d. Streifen über d. Bildern zur Decke hinauf. Wir haben
die restlichen Zeichnungen noch durchgesehen, noch ein Selbstportr[ät] d. Palma u.
einen sign[ierten] Benedetto Caliari gefunden, auch noch d. gerahmten ausgerahmt
back to the
book Erica Tietze-Conrat - Tagebücher, Volume II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)"
Erica Tietze-Conrat
Tagebücher, Volume II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
Entnommena aus FWF-E-Book-Library
- Title
- Erica Tietze-Conrat
- Subtitle
- Tagebücher
- Volume
- II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
- Editor
- Alexandra Caruso
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2015
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79545-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 346
- Category
- Biographien