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Tagebuch 1937/3
bekommen u. z[um] T[eil] photogr[aphiert]. Es war nur ein Aufarbeiten. Interes-
sant dabei der auf Holz gemalte Landschaftsstreifen, der Tizian hieß, aber jetzt als
„vielleicht nicht einmal ital[ienisch]“ angesehen wird. Wir kraxelten auf d. Leiter hi-
nauf u. fanden doch so viel tizianisches in d. Farbgebung drin, daß uns Do[menico]
C[ampagnola] nicht ausgeschlossen erscheint ; an sein flüssiges Pathos erinnerten
auch d. kleinen Staffagefiguren (wie d. Mann am Pflug) ; vielleicht daß d. von Michiel
beschrieb[enen] Landschaften von Do[menico] C[ampagnola] so ausgesehen haben.
(Wir erbaten eine Photogr[aphie]) Zum Abschied speisten wir unsern Lunch im An-
gesicht d. Schloßbergs. Da es unseren üblichen Tarif nicht überstieg, kalkulierte d.
Wirtin die Aussicht in die Portionen ein, die an „Schneewittchen bei den 7 Zwergen“
erinnerten. Am Schluß noch ein weißer Kaffee in einer kleinen Mokka Tasse ser-
viert
…10
Und jetzt sitzen wir im Zug nach London, haben das […] Gefühl d. Umkehr,
Heimkehr. Wenn ich d. Schwierigkeiten bedenke, die uns daheim erwarten, macht
mich dieses Gefühl nicht sehr froh
…
14. [Juli]
(gestern nicht zum Schreiben gekommen) Vorgestern – nach durchlesener Fahrt –
und Photos durchgearbeitet, 7 ½ Stunden Zeit – fahrplanmäßig angekommen. Dr.
Churchills kleiner Chauffeur war an d. Bahn, aber ohne Wagen, der hat einen Break-
down gehabt. Die Dame selbst hat nur einen Brief zum Willkommen geschickt, sie
ist in Birmington, wo sie bis Donnerstag zu tun hat. So konnten wir uns bequem
in dem großen verlassenen Hause einleben, das nur einen Nachteil hat, daß unser
Schlafzimmer sehr lärmend ist. Wir haben alles ausgepackt u. z[war] in einer Ord-
nung, die durch die tüchtige Ethel gegeben war, die Wäsche u. Kleider unserer zu-
rückgebliebenen Koffer schon in Kästen u. Laden placiert hatte. Den ersten Tag ver-
brachten wir bei Witt u. im Printroom, einiges von d. Reise war nachgeschlagen, vor
allem d. Giorgione-Fresko-Zeichnung in Chatsworth u. ihr Verhältnis zum Stil. Die
Z[eichnung] ist gegensinnig u. viel eingehender im Gewanddetail, absolut cinquecen-
tistisch, was man dem Van d[er] Borchtschen Blatt nicht nachsagen kann. Es ist inte-
ressant, wie sehr Justi d. Giorgione nahestehenden (zeitlich u. darum auch stilistisch)
Charakt[eristika] des Stiches lobt, der „verhältnismäßig“ früh ist
– gegensätzl[ich] zu
Zanetti. Bei Zanettis Vendramin Stich spricht er vom derben Typ, der ein Beweis
für d. jungen Tizian (Ridolfi) sein könnte. Unsre beiden Zeichnungen – Salzburg
u. Chatsworth – stoßen alles um. Wir haben bei Witt photogr[aphiert,] Desidera-
ten aufgenommen u. im British Museum den De Nanto-Gir[olamo] da Treviso-
Holzschnitt Einzug nach Jerusal[em] bez[iehungsweise] d. Landschaftsausblick, der
ein Licht auf venezian[ische] Landschaftszeichnungen wirft. Hans hat sich eine neue
Brille kaufen müssen (die alte hat einen „handle“ zerbrochen) u. das in demselben
Geschäft getan, wie ich vor 10 Jahren. Dann haben wir uns unsere Legitimation f.
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Erica Tietze-Conrat
Tagebücher, Volume II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
Entnommena aus FWF-E-Book-Library
- Title
- Erica Tietze-Conrat
- Subtitle
- Tagebücher
- Volume
- II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
- Editor
- Alexandra Caruso
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2015
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79545-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 346
- Category
- Biographien