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Tagebuch 1937/3
schon das letzte Mal gesagt hätte. Der Neffe Lowengard, dessen Namen Hans aus
Verachtung immer wieder vergißt, war auch anwesend. Das Gespräch hatte Nuancen,
z. B. daß es keine schönere Skulptur gebe als Bendas lachenden Knaben – über den
wir mit Maclagan gerade am Vormittag gesprochen haben, daß er d. Gipfel des in
Wien tagenden Fälscherkongresses sein werde. Oder daß d. Tintorettoausstell[ung]
eine Enttäuschung, Tintoretto selbst nur ein dekorativer Maler wäre. Das netteste
waren Jugenderinnerungen. Das erste Bild das er gekauft hätte ? Als 18jähriger einen
Millais um 3.000 Pf[und]. Er wurde lange später um 1500 verkauft u. erreichte vor
kurzem einen Preis von 430 Pf[und] bei einer Auktion. Sein Vater u. Onkel waren
überhaupt gegen d. Einkauf v. Gemälden, da sie nur mit Objets d’art handelten ! Wir
nachtmahlten dann mit Burgs, die sehr zufrieden mit ihrem Start in London sind.
Wir saßen mit ihnen auf Streckstühlen im Regent Park (Queen Mary’s Garden), bis
uns d. Wächter um 10h hinauswarf. Es war eine herrliche Sommernacht.
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17. [Juli]
(Zwei Tage nicht geschrieben !) Am 15. – Donnerstag – früh gingen wir zuerst zu
Clark (wo wir Lionello Venturi trafen), um unsren Einführ[ungs]brief fürs Buck-
ingham Palace abzuholen. Wir zeigten Clark (allein) das Salzburger Giorgione-
Photo, der eher an eine Nachzeichnung d. Freskos glauben möchte (wie wir übri-
gens auch beim ersten Eindruck). Das Buckingham Palace ist genau so, wie man
es sich vorstellt. Viel roter Plüsch, viel weißer Marmor u. viel gelbe Decken. Das
sog[enannte] Tizianlandsch[afts]bild hat derartig gespiegelt, daß wirs aus d. Rahmen
nehmen mußten. Das ist sicher nicht Tizian. Und sicher nur ein Ausschnitt. Sonst
gibt es schon Holländer, Vlamen u. viele berühmte engl[ische] Portr[ät]s, ganz le-
bensgroße u. merkwürdig nur, daß auch d. englischen Könige sich keine Ahnen von
Gainsborough etc. aufhängen konnten, sondern fremde Herren als Gainsboroughs
etc. Über einem Standerl* bei Burgs, die von geplanten Z[eichnung]enkäufen in einer
Auktion am Nachmittag erzählten, gingen wir zu Sir Rob[ert] Mond zum Lunch u.
nachträgl[icher] Besichtigung. Borenius d. mit Wittkower zusammen d. Katalog seit 5
Jahren arbeitet, warnte uns, daß der alte Herr schwer asthmat[isch] wäre u. bei Tisch
wegen zu viel Redens Erstickungsanfälle bekäme, die für d. Anwesenden peinlich
wären – für ihn noch peinlicher. Seine Tage wären überhaupt gezählt. Nun, geredet
hat er viel, aber erstickt ist er nicht. Wir aber waren vollkommen erledigt. So viel
Geschwätz u. so wenig Qualität (das Essen ausgenommen, das vorzüglich war). Wir
waren uns darüber einig, daß eine zweite u. dritte solche Samml[ung] uns d. Arbei-
ten aufzugeben veranlassen würde. Gut nur ein Veronese u. ein Palma Giov[ane] !
(was bekanntlich nicht ausreicht). Wir hatten Rendezvous mit Schilling vor d.
Brit[ish] Mus[eum]. Er war entzückend. Gibt Staedel, Haus, Pension, alles auf, um
* Kurzbesuch
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Erica Tietze-Conrat
Tagebücher, Volume II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
Entnommena aus FWF-E-Book-Library
- Title
- Erica Tietze-Conrat
- Subtitle
- Tagebücher
- Volume
- II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
- Editor
- Alexandra Caruso
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2015
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79545-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 346
- Category
- Biographien