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Tagebuch 1937/3
als 49
Jähr[iger] sein Leben neu aufzubauen. Er kann d. Leben in dem Régime nicht
aushalten. Geht in d. Welt, um – Schillingsche-Z[eichnung]en etc. für Hirsch (wenn
wir ihn richtig verstanden haben) zu kaufen ! Eine Auslese von diesen, die er am
Nachmittag bei d. Auktion erworben, sahen wir dann in Burgs Hôtel, die gleichfalls
einiges erstanden hatten. (Leonardo ! (2 Köpfe), Perugino H[ei]l[i]ger etc.). Nach
feierlichem Abschied geschwind nachhause, wo wir unsere Gastgeberin zu erwarten
hatten. Es war ein gemütlicher Abend mit einem refugee
– Kunsthistoriker Kitzinger
aus München u. einem englischen Dichter Sir Robert Nickels, der viel sprach, ob-
gleich er an einem Katzenjammer laborierte
…13
Gestern war ein Tag, der in viel anregender Erinnerung in uns weiterleben wird.
Trip nach Great Malvern. Erstens ist d. Gegend entzückend, das Haus u. d. Leute
(der Mann ein retired housemaster aus Eton war abwesend) warmherzig u. heiter,
drittens ist d. S[amm]l[un]g eine absolut unerforschte Fundgrube, die ganz aus Ve-
nedig zu stammen scheint (18.) u. für uns darum das größte Interesse besitzt. Wir
glaubten nur ein paar Blätter zu finden u. sahen uns eine ganze Reihe von Kasteln
mit montiertem, von Klebebändern u. von überhaupt nur locker in Kasteln hineinge-
legtem gegenüber. Es hatte eigentlich keinen Sinn, daß wir überhaupt anfingen, wir
waren aber so aufgeregt über d. wenigen Ansätze, die wir schürfen konnten, daß wir
weder f. d. Gesellschaft noch f. d. entzückende Lage d. Platzes die richtige Aufmerk-
samkeit aufbringen konnten. Es war alles in keine Abschiedsmelancholie getaucht
sondern wie ein Vor[ge]schmack der Freude des Wiederkommens ! Die Erregung
hielt so lange vor, bis ich sie durch ein Schlafmittel niederzwang.
–14
Unsre Gastgeberin war inzwischen auf ihr Cottage gefahren u. wir sollten ihr
heute nachkommen. Wir haben aber abteleph[oniert], es wäre ja doch nur wieder
eine Abhetzerei geworden. So haben wir noch am Vormittag im Printroom arbeiten
können u. haben jetzt gerade zuhause d. Besuch von Scharf gehabt, der ein paar Blät-
ter zum Anschaun u. Photographieren brachte ; eines darunter (ein bunter Jac[opo]
Bassano) ungewöhnl[ich] gut. Hans ist hinaufgegangen, um mit d. Packen zu begin-
nen. Ich folge ihm nach, dann nachher wollten wir endlich d. Manuskripte f. d. O[ld]
M[aster] D[rawings] (auf der Maschine von Dr. Churchill) druckfertig machen. So
wird unser letzter Tag ein wenig banal wohl zuende gehen.
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18. [Juli]
(Schon im Boattrain) Wir haben noch gestern einen netten Spaziergang durch unse-
ren Hausgarten gemacht, bevor wir nachtmahlten (Wiener Café, wo wir mit d. jun-
gen Hess seinerzeit waren). Als wir schon in später Dämmerung – gegen 10 Uhr –
heimgingen, war gerade das „open theatre“ mit Julius Cesar im Gang. Wir kamen
an der Brettereinzäunung vorbei, konnten nichts sehen, aber hörten das tragische
Geknödel. Ein Radfahrer stand auch außen an d. Bretterwand u. horchte, indem er
gleichzeitig in einem mitgebrachten Shakespeareband mitlas.
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Erica Tietze-Conrat
Tagebücher, Volume II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
Entnommena aus FWF-E-Book-Library
- Title
- Erica Tietze-Conrat
- Subtitle
- Tagebücher
- Volume
- II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
- Editor
- Alexandra Caruso
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2015
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79545-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 346
- Category
- Biographien