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Tagebuch 1937/3
ein laues Bier vermutete. Floch sagte mir : „Wenn aber niemand hineingeht, muß er ja
ein schlechtes Bier haben. Ich muß da immer an unser Geschäfterl denken u. geh ins
leere Lokal hinein u. trink das laue Bier
…“24
Die Nacht war furchtbar. An sich schon kurz, wurde sie durch die vielen vergeblich
läutenden u. an d. Haustür rüttelnden Heimkehrer gestört ; es war wieder die Reihe d.
Nachtdienstes an der festen Schläferin. Diesmal hab ich zweimal interveniert. In vier
Nächten waren zwei auf diese Weise gestört. Wir zahlten aber nur 25 fr[ancs] zusam-
men, trotz Weltausstell[ung], die Wirtin hat unsern Hausmeisterdienst gewiß hinein
kalkuliert. Heut war es ein kühler Morgen u. blieb kühl bis gegen Mittag ; so war
der erste Reisetag in d. Süden recht glimpflich verlaufen. Die Landschaft ist wun-
dervoll ; ganz in d. Horizontale mit dem See –, die Pappeln auch nur d. Horizontale
harmonisch ausgleichend – und ganz Staccato, wenn man Frankreich verlässt u. aus
dem Mont Cenis-Tunnel kommt. Hier in Italien fühl ich mich trotz u. trotz alldem
–
fascismo, Spanien etc.
– in d. zweiten Heimat. Aber sie ist heiß, diese zweite Heimat.
Heiß u. laut : Fantasia dell’ opera Boheme da Puccini
…25
24. [Juli]
(Gestern – Reisetag – nicht zum Schreiben gekommen.) In Turin in d. Nacht hat es
32° gehabt ! (Mitteilung d. Hôtelportiers). Wir waren vergeblich ausgestiegen : der
Bibliothekar, an den wir eine Empfehlung v. Planiscig hatten, ist in Frankreich ; er
hat keinen Vertreter, die S[amm]l[un]g ist für Juli–August gesperrt. So hielten wir
uns ein Stündchen in d. Pinakoteca Sabauda auf u. fuhren mit einem früheren Zug
nach Venedig. Es war dreiviertel voll, d. h. bei uns im Coupé sechs Personen u. ein
Bébé. Letzerem hatten wir d. schwachen Belag zu verdanken u. daß auch dieser zum
großen Teil im Gang sich aufhielt. Wir ertrugen die Zwischenfälle mit Gleichmut,
ja mit Wohlwollen. Erstens weil d. junge kupferhaarige Mutter ein schöner Anblick
war, zweitens weil dieser Lebensüberschuß u. Natürlichkeit für uns ein Teil d. Südens
ist. Eine Frau, die ihren Teil davon aufs Kleid oder auf d. Schuhe bekam, hatte mehr
zu leiden als wir. Es war aber tatsächl[ich] d. Kreislauf des Wassers. In jeder Station
trank d. Mutter Gazose oder aß Gelato ; in jeder Fahrt gab sie das Eingeschluckte
in Form von Milch heraus u. das weitere tat dann d. Kind … Fällt mir ein, daß zum
Kreislauf der Übergang zum Gazose oder Gelato fehlte. Giovanni d. Diener holte uns
am Bahnhof ab. Das Zimmer ist groß, mit Moskitonetzen u. verhältnismäßig ruhig.
Wir machten noch einen Erkundigungsspaziergang nach d. Nachtmahl, ob alles am
Platz war. Ja es war alles „am Platz“, d. Markuskirche u. die […].
–26
25. [Juli]
Unsern ersten venez[ianischen] (gestern) Tag haben wir vormittag in d. Ausstell[ung],
nachmitt[ag] in S[an] Rocco, dazwischen im Bett verbracht. Abends mit Ehepaar
Gironcoli bei Floriani. Hans hat sich eine weiße Hose u. ich mir eine dunkelblaue
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Erica Tietze-Conrat
Tagebücher, Volume II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
Entnommena aus FWF-E-Book-Library
- Title
- Erica Tietze-Conrat
- Subtitle
- Tagebücher
- Volume
- II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
- Editor
- Alexandra Caruso
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2015
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79545-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 346
- Category
- Biographien