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Tagebuch 1938/1
unter. Wenn ich jetzt auf d. Uhr schaue, ist der Hans schon lange durch Wels durch
gefahren, vielleicht schon durch Attnang
…1
Basel, Hotel Continental. (Wir kamen Mitternacht vom 22. zum 23. an, verlang-
ten ein ruhiges Zimmer u. bekamen eines nach außen auf d. Elektr[ische], nach innen
auf den Lift.) Also Hans kam fahrplanmäßig u. hungrig in Salzburg an u. brachte mir
einen Brief vom Anderl mit. Den haben wir beim Nachtmahl im Pitterstüberl […]
an d. Großmama zurückadressiert
…2
In d. Bibliothek war ein aufpeitschendes Arbeiten. Die Rötelzeichn[ung] vom
Vendraminfresko ist also doch eine Kopie, es gibt andre dazugehörige Blätter (glei-
ches Papier, gleiche Technik, gleiche Kürzungen) in d. S[amm]l[un]g. Sehr wich-
tig eine ganze Gruppe, die Meder für Bassano hielt, wir für Palmarichtung, aus
denen man vielleicht eine neue Gruppe zusammenstellen wird. Hans hat auch
photogr[aphiert] (8). Mittag sind wir ins Pitterstüberl haben ein magres Geselchtes
bestellt, das „fertig“ war u. d. Kellner Eile aufgetragen. Er ließ uns 10 Minuten war-
ten, brachte es fett u. wir zogen ab, ohne zu essen, ohne zu zahlen. Der Krach wurde
noch effektvoller, als ich beim Aufstehen ein blechernes Tablett auf d. Erde stieß !
Den Wirt hätte d. Schlag getroffen, wenn er nicht am Tag vorher schon gestorben
wäre. In d. Bahn reisten wir diesmal in einem modernen Wagen (Hofmanntype), bei
dem man überhaupt d. Holzklasse nicht spürt. Wenigstens ich nicht – dem dort ma-
geren Hans legte ich mein Plaid unter. Es ist merkwürdig, wie angelsächsisch d. Land
Tirol wirkt. Die Trainer haben sich ausgezeichnet angepaßt. Ab Innsbruck reiste ein
junger Mann mit uns, der aus Wien kam, nach Paris reiste u. ausgesprochene Grenz-
angst hatte. Er reiste mit einem tschechischen Paß, der zu ihm paßte wie er – zum
Gustl gepaßt hätte. Er erzählte uns, daß man unlängst an d. österr[eichischen] Grenze
Polen u. andre Völker mit tschech[ischen] Pässen festgenommen hätte, die nach Spa-
nien wollten. Qui s’excuse etc.3
Die Ankunft im Hôtel wirkte auf meine Lachnerven wie jede Ankunft in d.
Schweiz. Der Portiergehilfe stand erst Kopf, daß wir mit d. Wiener Zug gekommen
wären, weil der doch nie pünktlich eintraf. Dann als wir ihn nach d. Langegasse (wo
Dr Christ wohnt) fragten, sagte er, daß sie nur 5 Minuten weit sei u. daß er dort vor
„ausgerechnet“ 23 Jahren zum Konfirmationsunterricht gegangen sei. Es machte ihm
sichtlich Freude, gerade über diese Gasse Auskunft geben zu können. Jetzt haben wir
gefrühstückt u. warten auf den „Holbein“, der uns vor unserem Besuch bei Christ
u. Hirsch sprechen wollte (was uns sehr intrigiert). Mittagessen ; wir nehmen die
„Muß“mahlzeit im Hôtel, aber nur eine Kleinigkeit, teils dieserhalb teils außerdem).
Dr. Loeb begleitete uns zu Dr. Christ. Eigentlich wollte er uns nur vor d. Besuch
beim H[errn] v. Hirsch sprechen, um uns zu bitten, falls sich die Gelegenheit dazu
ergibt, ein Kriegsbeil einzugraben zu versuchen, das zwischen jenem u. ihm hängt
…4
Dr Christ wohnt im Familienhaus in zwei kleinen Zimmern, die vollgehängt
sind. Er hat ein paar ausgezeichnete Sachen, alle zumeist Rätsel, da er nur nach Ge-
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Erica Tietze-Conrat
Tagebücher, Volume II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
Entnommena aus FWF-E-Book-Library
- Title
- Erica Tietze-Conrat
- Subtitle
- Tagebücher
- Volume
- II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
- Editor
- Alexandra Caruso
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2015
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79545-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 346
- Category
- Biographien