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Tagebuch 1938/1
schmack u. nach Qualität, nicht nach Namen kauft. Eine entzückende doppelseit[ige]
Feder z[eichnung] (Engel – Maria) von Piero di Cosimo, eine Kreuzabnahme, die
am ehesten nach Corla aussieht, eine prachtvolle Komposit[ion] Christ[us] u. Ehe-
brecherin, die Pleydenwurff gegeben wird u. wie für ein Relief erfunden ausschaut,
ein Callot (Vorz[eichnung] f. einen Stich) Tanzende um Baum. Ein Fragonard (sehr
schöne Tivolilandsch[aft]). Gute u. rätselhafte Bilder. Wir endeten mit Vermouth,
der Appetit machen sollte, aber uns doch für die uns im Hôtel vorgeschrie b[ene]
Mahlzeit (s. o.) auf Krankendiät zurückschraubte. Darum schliefen wir nach, ich so
lange, daß ich mich ganz schnell anziehen mußte, um zur Zeit (und doch leider zu
spät – künstliches Licht !) zu Herrn v. Hirsch zu kommen. Das ist eine herrliche
Quali täts samml[un]g. Vieles auch was uns anging – oder sagen wir lieber einiges
weniges, aber hervorragendes. Wir tracierten vor allem einiges von Wauters u. Op-
penheimer her uns bekanntes (Veronese
– bez[iehungsweise] Carpaccio u. Palma Vec-
chio, von Hadeln publ[iziert]). Er hat eine neue ganz unbekannte Z[eichnung] von
Altdorfer, Pyram[us] wird von Thisbe gefunden, erworben. Sehr interess[ant], vom
Stand p[un] kt d. Ökonomie d. formalen Erfind[un]g, weil die Mantegna-Altdorfer-
sche Umformung d. Johannes – Maria Kompos[ition] vom Fuß d. Kreuzes (Maria
liegt in d. Tiefe) für d. profane Szene adaptiert wurde. Hirsch hat alle guten Z[eich-
nung]en, die eigentlich im Lauf d. letzten Jahre locker geworden sind. Den Urs Graf
von Czeczowiczka, den Knaben von Rodrigues, Dürers Ölberg, Watteaukopie nach
Bassano (Frauenfig[ur] von hinten). Mein Palma-Portr[ät] aus d. Crociferi ist pracht-
voll
– er aber glaubts nicht. Auch dort gabs
– mitten drin diesmal
– einen Tee, der uns
f. d. Abendessen, zu dem uns Dr Loeb einlud, stark handikäpen dürfte. Auf diesen
warten wir hier, nachdem wir in Eile unsre Zettel auf gleich gebracht haben.
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24. [Jänner]
Noch in Basel, kurz vor d. Abreise. In Niemandszeit, wenn diese Wortbildung für d.
Phänomen der durch d. Übertritt in westeurop[äische] Zeit gestatteten Stunde er-
laubt ist. Gestern haben wir mit Dr Loeb sehr gut u. verhältnismäßig wohlfeil bei den
Sternen genachtmahlt (d. i. in d. Aeschenvorstadt, jenseits d. Sternengasse). Dr. Loeb
hat uns über unsre Abrechn[ung] erzählt u. daß er im März nicht zahlen möchte ;
das war wenig erfreulich, aber was er sonst noch über sich selbst einfließen ließ, war
so unvergleichbar unerfreulicher, daß wir gar nicht ernst über unsre Situation ver-
zweifelt sein konnten. Zur allgemeinen Entspannung gingen wir dann in einen Film
mit Raimu, Fernandel, aber es war nicht das Richtige. Schließlich saßen wir noch
im Hôtel beisammen, bis eine internationale Sperrstunde erreicht war, nachdem d.
Basels längst vorüber war. Heute früh waren wir erst bei Frl. Schulthess, die eine
phantast[ische] Geschichte über ihr Schweißtuch von Grünewald erzählt hat. Sie hat
es d. Luzerner Heinemann f. Thyssen zur Ansicht gegeben, nicht wissend, daß dieser
Luzerner Heinemann nur d. Vetter d. Thyssen-Heinemann war. Auf wiederholte An-
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Erica Tietze-Conrat
Tagebücher, Volume II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
Entnommena aus FWF-E-Book-Library
- Title
- Erica Tietze-Conrat
- Subtitle
- Tagebücher
- Volume
- II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
- Editor
- Alexandra Caruso
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2015
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79545-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 346
- Category
- Biographien