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Tagebuch 1938/1
Seligmann d. h. Dr. Gronau, der sympatisch, reserviert, aber ohne venezian[ische] Bil-
der war. Bei Matthiesen d. h. Zatzenstein gab es eine Ausstellung Primitiver, darunter
auch d. frühe Ludovicus (nicht Alvise schon Vivarini), den wir aus d. Douglas Kata-
log von Locker her kannten. Wir aßen früh bei Vayni u. photograph[ierten] dann im
Printroom. […] konnte ich mich von d. zutreffenden Beobachtung überzeugen, dass d.
sog[enannten] Breughelblätter (s. o.) unbedingt Piero zuzuschreiben sind. Abends wa-
ren wir bei Christine, die in aller vornehmster Gegend (Portland Place 24) mit ihrem
Bruder Davy wohnt. Dieser ist ein sehr eigenartiger u. schön anzuschauender Mensch
mit Ohren ohne Läppchen u. ganz faszinierenden Affektationen. Dazu gehört das
Schimpfen über England u. Loben Amerikas u. Irlands. Kein Licht darf brennen bei
Tisch nur vier ganz abgeblendete Kerzen, die wie eine billige „Leich“ wirken, sodaß er
beim Tranchieren sich irgendwo abseits ein Extralamperl anzünden muß etc.31
Endlich heute.
Ich teleph[onierte] an Scharf, ob er d. Z[eichnung]en f. d. beiden Tafeln kenne, er sagte
nein u. ich bestellte ihn ins Printroom. Vorher photogr[aphierten wir] unsere letzten
Desiderata, dann brachte uns Borenius in den Lincoln Inn, wo tatsächl[ich] das Bild
(sehr hoch) in d. Biblioth[ek] hing u. uns schon wie ein Tizian anmutete (jedenfalls
haben wir Borenius sehr energisch Pordenone auszureden versucht.) Der Kopf hat
Tiziansche Tragik und d. Proportionen seine Gewalt. Kann es ein Pendant zu d. ver-
schollenen Laokoonbild sein ? Borenius setzte sich wieder ins Brit[ish] M[useum] ab
u. brachte Hans zur Tategal[lery], wo dieser mit Georg ein Rendez-vous hatte, um
vom Direktor (Manson (?) – Empfehlungen zu d. Austell[ungs]leitern zu bekom-
men. Ich traf Kurz im Stiegenhaus u. ging mit ihm d. Vasari gehörigen Z[eichnun g] en
durch, um mir von d. venezian[ischen] Abzüge zu erbitten. Scharf kam u. ich zeigte
ihm d. Blätter, die nicht unmittelbar gerade zu d. Tafeln als Vorstudien gehören, aber
doch unverkennbar sind. Ich überzeugte ihn auch u. das immer nachdrücklicher je
mehr u. je öfter ich betonte, dass ich nicht d. Absicht hätte, d. Blätter zu veröffent-
lichen, sondern die Beobachtung für sein Buch schenke. Er gratulierte mir zu dem
Fund u. schloß „Ich hätte ganz an d. Z[eichnung]en vergessen“, was ich eigentlich
nicht ganz verstehen kann, was er damit meinte. Er wollte sich nach seinen Worten
mit ihnen einmal als Jan Metsys angehörig, im Anschluß an einen Auftrag Valen-
tiners beschäftigt haben. Mein Gott, sind d. Menschen doch Kindsköpfe ! ! Mittag
speisten wir mit Georg, Schilling u. Frau, die auf [ein] paar Tage nach London ge-
kommen war. Sie macht den Eindruck eines gebrochenen Menschen. Wir sind dann
zurück ins Printroom u. haben uns mit d. Do[menico] Tint[oretto]skizzen beschäftigt,
die trotzalledem immer noch ein Problem sind. Beim Fortgehen d. Ausstell[ung] der
Rembrandtzeichnungen (alles hausgemacht) und d. asiatischen Malerei angesehen.
Ganz große, aber doch so – esoterische Eindrücke. Und neben, über u. hinter allem
was wir erleben steht d. Schicksal Österreichs, das unser eigenes Schicksal ist.
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Erica Tietze-Conrat
Tagebücher, Volume II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
Entnommena aus FWF-E-Book-Library
- Title
- Erica Tietze-Conrat
- Subtitle
- Tagebücher
- Volume
- II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
- Editor
- Alexandra Caruso
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2015
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79545-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 346
- Category
- Biographien