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Tagebuch 1938/1
19. [Februar]
Auch wir stehen unter d. Eindruck von Zeitungen, die nur d. entgegengesetzte Ab-
sicht haben als die in Wien. Hans ist so aufgeregt, daß sein Gesicht d. bedauerlichen
Spuren seines Rasiermessers trägt
…
Am 17. abends waren Dr Freudenberg u. Gerda bei uns, Gespräche ohne Ende.
Gestern abends bei Burgs d. Fortsetzung, gestern Mittag u. Nachmittag mit Myra u.
Georg bez[iehungsweise] Czinner. Aber das ist keine Reihenfolge ! Also erst bei Witt,
wo sich eine von d. Königschen Giorgionezeichnungen als die Studie für ein – irr-
tümlich – dem Schiavone zugeschr[iebenes] Bild erwies. Huyghe war da u. fror wie
wir. Es war so schlecht geheizt u. der Wintertag so scharf, daß ich wiederum mein
Haarweh bekam. Im Atelier Georgs sahen wir d. jetzt gegossene Bergnerbüste, die
wirklich viel viel besser ist als d. Ton war, den wir damals gesehen hatten. Er war ein-
gegangen. Jetzt war der Klang wieder ganz voll. Georgs Atelierchen ist in St. James’
Street im Haus, in dem d. Bureau d. Bergnerfilmhauses ist. Ein ganz altes Haus mit
schmalen Holzstiegen, die bei Georg oben schon ganz steil sind. An seinem Atelier
ist auch ein Badezimmerchen dran. Im Czinnerschen Bureau
– ganz in blondem Vel-
vet
– ist ein Spiegel, der bei Barry war, rund, hohl, man ist ganz klein, aber gesammelt
drin wie hinten auf dem Arnolfinibild. So möchte man die Welt heute sehen. Die
Aussicht geht in einen Alt-Londoner Hof, der zum Sightseeing gehört, da darin das
letzte Duell stattgefunden hat. Über ihm herein schaut ein kleines gelbes Giebelhaus,
in dem Lord Byron gewohnt hat
…33
Wir waren schon früh zuhaus und haben – ach so wichtige ! – Briefe geschrieben.
Zum Dinner war Ernst Kitzinger da, der junge bayrische Kunsthistoriker, den wir
schon im Sommer bei Dr Stella getroffen hatten. Er volontiert noch immer für ein
paar Pfund im Brit[ish] Mus[eum]. Dort aussichtslos. Nach seiner Darstellung war
kein Emigrant noch in England angestellt worden (d. h. kein kunsthistorischer). Der
Archäolog[e] Jacobsthal in Oxford ist ein anderer Fall.34
20. [Februar]
Nach dem lunch, eingenommen an Bord (und Papierl). Sea rather rough – lasen wir
im Morgenblatt. See rather rough
– lasen wir die Ankündigung beim Boattrain. Das
Schreiben ist nicht leicht
…
Gestern war unser letzter Londoner Tag. Hans hat eine unruhige Nacht gehabt u.
sich schon zum zweitenmal beim Rasieren geschnitten. Er will doch nachhaus, schon
um d. Pässe zu erneuern, mit d. Kindern zu sprechen u. s. f. Wir machten unser ital[ie-
nisches] Billet, d. h. unseren Scheck rückgängig, wobei wir 2 Pf. einbüßten. Das war
aber ein so nachdrücklicher Entschluß, daß wir uns hinterdrein beide um mehr als
die 2 Pf. erleichtert fühlten. Dann haben wir im Brit[ish] Mus[eum] ein letztes Photo
gemacht, vieles überprüft u. neues durchgesehen, das uns nicht unmittelbar angeht.
Popham brachte uns bestellte Abzüge u. die Photos einer Neuerwerbung des Ash-
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Erica Tietze-Conrat
Tagebücher, Volume II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
Entnommena aus FWF-E-Book-Library
- Title
- Erica Tietze-Conrat
- Subtitle
- Tagebücher
- Volume
- II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
- Editor
- Alexandra Caruso
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2015
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79545-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 346
- Category
- Biographien