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Tagebuch 1938/1
mo[lean] M[useums], die uns Parker geschickt hat. Es soll in Kreide u. Blau – einer
venez[ianischen] Z[eichnung] gleichschauen
– ich konnte inzwischen nur d. röm[i sche]
Element darin erkennen, das bis in d. Raffaelkreis, d. h. bis in die Sibyllen von S[anta]
M[aria] della Pace zurückführt. Wir haben dann noch Abschiedsbriefe geschrieben,
die f. d. Zukunft anknüpfen sollten. Mit Dr Stella einen Abend allein gehabt, an
dem wir uns über häusliche Sorgen das Herz ausschütteten u. dem Stoffel ein Nest
zu bauen versuchten. Da sie uns immer wieder versicherte, daß sie Statistik „adore“,
machen wir uns keine Vorwürfe darüber. Und jetzt
– ist noch nicht aller Tage Abend,
aber wohl für d. Crossing eine gute Prognose zu stellen. Hoffentlich erwarten uns
keine allzu üblen Nachrichten in Paris
…35
– abends im Hôtel Bisson.
Ein Brief vom Anderl, noch vor d. Ereignissen in Österr[eich]. Ein Brief vom Stof-
fel vom 15. [Februar] geschrieben, mit einem Zeitungsausschnitt vom 16. [Februar],
demzufolge alle politischen Strafverhandl[ungen] u. Strafen sistiert werden sollen.
Wenn das wahr wäre, wäre das für Burgl ein unerwartetes Glück. Sonst schrieb Stof-
fel vom Franz (der durchgefallen ist), von einem neuen Spiel, das sie bei V[etter]
Hans gelernt hätten u. s. w.
– nicht ein Wort von d. politischen Lage. Wir griffen uns
an den Kopf. Während wir noch auspackten, teleph[onierte] Michelson. Wir hatten
ihm unsere Ankunft nicht angezeigt – daß er uns dennoch erwischte, hat mir Spaß
gemacht. Wir nachtmahlten bei d. Bécassine u. gingen d. Bd St. Miche hinauf. Es war
ein Gefühl d. Heimkehrens dabei u. wiederum ein Paris des Floch, dem wollen wir
gleich morgen früh telephonieren. Man spielt jetzt schon d. Marseillaise (Film von
Renoir), den nehmen wir gleich aufs Programm.36
An dieser Stelle des Tagebuchs findet sich ein Zeitungsausschnitt beigelegt : „Politische Ge-
neralamnesie. Der Bundeskanzler
…“, aus : Das kleine Blatt, Nr. 46, 16. Februar 1938.
21. [Februar] Feierabend.
Wir haben heut früh von Stoffel einen vernünftigen Brief bekommen, der uns zeigte,
wie sie von d. Situation überrascht wurden, aber auch, daß beide entschlossen sind,
ihr Rechn[ung] zu tragen. Am Vormittag u. Nachmittag im Louvre gearbeitet. Ein
D[ut] z[end] Aufnahmen u. die Florentiner Schule begonnen. Ein voll sign[iertes] Blatt
von Aless[andro] Casolani, das ganz gut den sog[enannten] Giorgione in Chatsworth
bestimmen könnte. Leider hatten wir keine Reprod[uktion] zum Vergleich bei d. Hand
u. müssen bis morgen damit warten. Wir haben mit Michelson geluncht, den ich eigent-
l[ich] doch für einen anständigen Menschen halte. Wir waren gegen 5 dann bei Lévy,
haben uns Adressen geholt, wo man so ein Buch über Anatol[ien] publiz[ieren] könnte,
von dem Anderl schreibt. Zuhause dann fanden wir schon d. Nachricht, daß Floch an-
gerufen hätte. Die Frau sagte am Teleph[on] „er ist in der vierten Depression“.37
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Erica Tietze-Conrat
Tagebücher, Volume II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
Entnommena aus FWF-E-Book-Library
- Title
- Erica Tietze-Conrat
- Subtitle
- Tagebücher
- Volume
- II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
- Editor
- Alexandra Caruso
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2015
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79545-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 346
- Category
- Biographien