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Tagebuch 1938/1
ten ! Drei junge Mädchen fuhren mit, von denen 2 eine Prüfung (die nach dem lau-
reo ?) in Rom vor sich hatten (d. 3. war nur d. Schwester) u. eine d. Kandidatinnen
sich nicht besonders sicher fühlte. Die Folge war, daß sie ohne die geringste Un-
terbrechung schwätzten. Nicht nur ich, auch d. beiden anderen Mitreisenden wa-
ren schon ganz verrückt davon. Ich bin dann ins Nachbarkoupée, wo ein bildschöner
ganz junger Schwede mit seinem etwas schütterern Begleiter saß (d. h. dieser war
auch noch meist auf d. Gang). Da habe ich mich erst tüchtig ausgeruht von dem
lästigen Gezwitscher u. dann auf französ[isch], englisch u. schließlich deutsch mit
dem Schweden unterhalten. Und zwar zumeist über Thomas Mann. Es war eigentlich
eindrucksvoll. Der große blondgelockte Jüngling, der rot untersinkende Sonnenball,
Rom, das kommt und als Treffpunkt zwischen Norden u. Süden germanisch […] der
Italien-liebende deutsche Dichter, der ein Tschechoslowake werden mußte. Ich holte
mir dann meine Adresse (Pensione Lepidini Via Ladoviri 46II) bei Frl. Einkemer u.
fuhr mit d. Taxi weiter herauf, wo es wirklich die beste Luft in Rom gibt. Inzwischen
hab ich nun eine gut durchschlafene Nacht hinter mir u. ein Frühstück im Zimmer ;
die Bekanntsch[aft] mit d. sympath[ischen] Tochter d. Hauses u. der unsympath[isch]
lauten Mutter. Näheres wird mir erst d. Abendmahlzeit alle […] vom Betrieb zeigen.
Ich habe mir erst zwei Briefe vom Hans auf d. nahen Piazza Silvestro geholt. Daß
Anderl d. Stelle nicht bekommen hat, die er sich erwünscht hatte, hat mir sehr weh
getan. Mir ist jede Enttäuschung, die er hat zum Heulen ! Daß unser „Tizian“ gra-
phisch noch einmal untergeteilt wird, ist das wenigst kränkende d. Briefes. Aber die
Unruhe, die daraus sprach, das Zappeln u. Abzappeln, die teilweise Erfolglosigkeit,
der Kampf u. Krampf, das hat mir wiederum gezeigt, wie ausruhend meine Tage in
Turin u. Genua waren !58
Ich bin dann mit d. Bus zum Ponte Garibaldi gefahren u. d. paar Schritte hinunter
zur Corsini gegangen, wo ich mich sofort bei Z[eichnung]en installierte. Ich sah erst
die spezif[isch] venez[ianischen] zwei Kasteln an u. begann dann (mit Hilfe einiger
Lira Trinkgeld) Scatola um Scatola, wobei ich bis Nr. 11 (um 1 Uhr) vordrang. Das
jetzige Fr[äu]l[ein] ist eine dottaresse Leonardo, mies u. sehr freundlich, aber absolut
nur d. Tratsch ergeben. Zwar nicht mit mir, aber doch zumeist in d. Zimmer, in dem
ich arbeite. Nachher ging ich noch ins Museum und dann gegen zwei langsam per
pedes stadtwärts. Ich aß zwei Bananen u. trank eine Schokol[ade] mit einer pasta
dazu, entdeckte im Vorbeigehen das Albergo del Sole gleich neben d. Piazza del Pa-
radiso ([…]) das sehr einfach u. nett aussah, suchte ein Albergo diurno auf, ließ mir
bei einem eleganten Friseur d. Haare waschen, blieb ein Stündchen im (sehr vollen)
Borghesegarten, gab eine Ansichtskarte an Stella Churchill auf u. bin jetzt da.59
11. [März] Wieder gegen Abend.
Das war gestern noch sehr schmerzhaft : Im Nebenzimmer wurden Grammo-
phonplatten ausprobiert, d. h. gespielt u. immer wieder abgebrochen. Schlager, Jazz,
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Erica Tietze-Conrat
Tagebücher, Volume II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
Entnommena aus FWF-E-Book-Library
- Title
- Erica Tietze-Conrat
- Subtitle
- Tagebücher
- Volume
- II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
- Editor
- Alexandra Caruso
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2015
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79545-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 346
- Category
- Biographien