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Tagebuch 1938/1
14. März
Heut hab ich Anderls Brief (an mich allein) auf d. Post vorgefunden. Den wird es
auch packen
…
Wir haben in d. Corsini d. Z[eichnung]en zuende durchgesehen u. d. Gesuch we-
gen d. Photos geschrieben ; diesmal haben beide Diener Trinkgeld bekommen u.
beide Weiblichkeiten sich zurückgezogen (so erfolgreich war mein sich beklagen we-
gen Geschwätz gewesen). So ging es flott. Nachher in d. Galerie u. weiter nachher im
Garten d. Kapitols aus d. Papierl geluncht. Bei Ragghianti überraschend vorgespro-
chen, der sehr belämmert war, da er 1.) unrasiert war u. 2.) noch immer nichts über
den Verbleib der Photos wußte. Er wollte im November schon bei d. Post eine Ein-
gabe gemacht haben, die aber bisher nicht beantwortet worden wäre ! Er versprach
aber in diesen Tagen unserer Anwesenheit in Rom d. Sache zuende zu führen (Nun
wir werden sehen, ob er Wort hält). Um 4h waren wir (angemeldeter Weise) beim
Direktor d. Borghesegallerie, Dr. De Rinaldis, zu dem man hintenrum ins Museum
kommt u. mittels eines in eine Wendeltreppenspindel eingebauten Lifts hinauffährt
(ganz rund u. eng, wie ein Rokokonachtkastel). Wir besahen uns die Depotbilder z. B.
d. gewisse Venus von Sustris, deren Wiederholung in Bombay (?) oder Peking (?) als
Tizian publiziert wurde ; einen Christ[us] vor Ehebrecherin von Bonifazio ; eine Ve-
nus + Amor + schüsseltragender Silen, den Van Dyck als Tizian im Skizzenbuch hat,
der aber von Padovanino sein soll (wenn ich nicht irre ; hier heißt er Paolo Veronese)
u. a. m. De Rinaldis kam u. scheint ein Glasauge zu haben, was sehr peinlich im An-
fang war, da man nicht wußte, ob er einen ansah oder zerstreut aus d. Fenster schaute.
Ihm hat d. Michelsonbild einen großen Eindruck gemacht ; er hält die ehemals Gior-
gione genannte Frau mit dem Tuch in d. Händen für einen übermalten Raffael. Uns
hat das sehr interessiert, da wir beim Michelsonschen Bild auch schon einmal an
Raffael gedacht hatten. Das müßte aus Raffaels Sebastianozeit sein
…64
Ein Photo d. gereinigten Bildes bekommen wir bei Anderson … Auch De Ri-
naldis glaubt nicht, daß d. Männerportr[ät] von Dürer ist. Er sprach sehr vernünftig
darüber
…
Wir schlenderten dann zu Bastianelli, schlenderten, weil es so früh war u. trafen
ihn auf d. Gasse, gingen mit ihm ins Haus. Der 72jährige Mann ist ein Wunder !
(Seine Schwester ist vor 20 Tagen †). So merkwürdig kindlich primitiv – u. daneben
diese eiserne Willenskraft u. Leistungsdrang u. Leistungsfähigkeit. Er baut jetzt in
Genua u. Lissabon, in Buenos Ayres u. Bombay Hafenanlagen etc. In Rom hat er
ganz nah von seiner Wohnung ein ganz modernes Haus gebaut, in dem er auch sein
Geschäft hat. Und in Grottaferrata eine Villa, die wir nächstens (Übermorgen) be-
suchen sollen. Er war tief ergriffen über die Ereignisse u. sprach es ganz spontan aus :
Wien unter Berlin ! Zuhause haben wir eine Karte vom Portier überreicht bekommen,
die aber nicht an uns adressiert war. Es war eine Ansichtskarte, französisch, an eine
Dame, geschrieben von Frits Lugt ! So ein merkwürdiger Zufall ! Jetzt schreibt H[ans]
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Erica Tietze-Conrat
Tagebücher, Volume II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
Entnommena aus FWF-E-Book-Library
- Title
- Erica Tietze-Conrat
- Subtitle
- Tagebücher
- Volume
- II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
- Editor
- Alexandra Caruso
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2015
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79545-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 346
- Category
- Biographien