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Tagebuch 1938/1
mer u. Terrassen) eines u. bei jedem der 3 Fremdenzimmer auch eines. Es gibt auch
einen Aufzug durchs Haus u. im Garten ein Wasserreservoir, das eine imponierende
Wassermenge faßt. Und was sonst ? Teppiche Möbel u. Bilder, alles d. Geschmack d.
Hausherrn bezeugend. Es ist kein einziger Gegenstand, der nicht von ihm ersonnen
u. bestellt wurde. Nun, ein Geschmack ist immer etwas, das nicht jedermanns Sache
sein muß. Meiner z. B. ist anders als seiner. Aber es ist alles komfortabel u. reichlich
geboten, und er hat eine wirklich empfundene ästhetische Freude dran
…68
Wir waren dann noch – aufgeforderter Maßen – auf d. Quästur, aber es war nicht
d. richtige, wir müssen auf eine andre gehen, um unser Aufenthaltspapier zu bekom-
men. Und schließlich nach heftigen Hemmungen in d. Hertziana. Wir sprachen nur
Dr Schudt (Prof. Bruhns war bei einem Vortrag im Archäol[ogischen] Institut). Der
dort gleichfalls angestellte Dr Degenhart bat uns, vorgestellt zu werden. Es war al-
les eitel Liebe u. Griesschmarrn – wir aber waren zurückhaltend wie nur möglich.
Zuhause fanden wir direkte (vom Vogel, der fiebernd in Paris liegt) u. über Wien
gelangte Post, die noch Stoffels Hand auf d. Umadressierung zeigt.69
17. [März] abends.
Es ist noch immer herrliches Wetter. Wenns das nicht wäre, tät man so überschnap-
pen. Aber heiß wars auch, richtig Frühling. Wir waren früh in d. Colonnagalerie, die
wohl öde ist. Nachher im Vatikan, dessen Pinakothek wohl sehr bedeutend ist
– sogar
für uns. Aber doch nicht genug, um seine Sorgen zu vergessen. Die Six
tin[ische] Ka-
pelle ist immer noch in ristauro. Man hat gar keinen Eindruck davon bekommen. Sie
sah aus wie ein Stummel von einem Arm. Am späten Nachmittag waren wie am Pin-
cio spazieren, bis d. Sonne unterging. Wir sahen hunderte von behaarten Raupen, die
sich auf Häufchen begatteten u. dann in langen Schnüren sich fortbewegten, immer
so 40, 50
– die einen langen Wurm bildeten. Abends wurden in d. Hertziana Photos
angeschaut
…70
18. [März]
(Heut abends ist unser Schicksal gerade eine Woche alt.) Wir waren in d. Cit, ha-
ben Geld geholt u. d. Bahnkarte nach Neapel. Dann bei Doria, wo doch viele in-
teressante Bilder für uns sind. Vor d. Bild d. Velazquez erklärte ein gebildeter Herr
seiner Begleiterin : „Und dieser Papst Innocenz X., der so ein Bild sich hat malen
lassen können u. solchen köstlichen Rahmen, sehn sie mal d. Rahmen – als er starb,
war kein Pfennig in d. Kasse !“ Um ½ 12 hatten wir uns bei Hermanin angesagt, er
war aber so besetzt, daß wir in d. Museum hinaufgingen. Kurz darauf kam er uns
nach, d. h. er zog an uns vorüber, eine ganze Gruppe hoher deutscher Militärs, in
Braun u. Schwarz, mit Armbinde u. Ordensbrust, durch d. Museum führend – ja-
gend. Sturmschritt. Sogleich waren wir überholt ! Aber Hermanin hatte uns erspäht
u. war – kaum war die Führung erledigt, zu uns zurückgekommen. Er sprach herz-
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Erica Tietze-Conrat
Tagebücher, Volume II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
Entnommena aus FWF-E-Book-Library
- Title
- Erica Tietze-Conrat
- Subtitle
- Tagebücher
- Volume
- II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
- Editor
- Alexandra Caruso
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2015
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79545-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 346
- Category
- Biographien