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Tagebuch 1938/1
21. [März] abends
(im Schreibzimmer, das eigentlich d. Stiegenhaus ist). Ein sehr anstrengender Tag !
Früh die Gemäldegalerie, die unendlich groß ist u. – wie man uns erzählt – noch
größere Depots hat. Die Z[eichnung]ens[amm]l[un]g ist, wenn man d. ausgezeichnete
(ausgestellte) Auswahl abrechnet, nichts wert – was Venezianer anbelangt. Unter d.
ausgestellten eine wirkliche Jacopo Tintoretto Ölskizze, ganz anders als die im Bri-
t[ish] Mus[eum] u. viel ähnlicher i. d. Leichtigkeit d. Technik mit d. Oxford Skizze,
die Hadeln irrtüml[ich] d. Domenico gab. Wir haben von allen Blättern Photos be-
kommen, bez[iehungsweise] versprochen bekommen. Der Direkt[or] Ortolani (etwas
grauer als vor 5 Jahren) war sehr nett. In Gegenwart d. Aufsehers sprach er sich ganz
eindeutig über das heutige Regime u. d. Gewaltstreich mit Österr[eich] aus. Wir sag-
ten natürlich nichts dazu. Benesch war vor wenigen Tagen hier – er hatte d. Bilder
zur Ausstell[ung] Napolianischer Malerei d. XVII., XVIII., XIX. Jhs. im Castello
Angioino gebracht. Er hätte gesagt, Wien bleibe doch Wien, was Ortolani bestritt,
überhaupt seinen Optimismus für etwas vorgemacht hielt. Wir aßen dann Mittag in
einem Gärtchen beim Museum an einer kleinen runden Fontaine in der es Wasser-
vögel gab. 5 Mann hoch, die Kinder nicht mitgezählt, auf einem kurzen Bänkchen,
das für höchstens ein lauschiges Paar gebaut war. An d. Brüstung d. Fontaine war-
tete schon einer, bis jemand von unserem Bänkchen aufstehen u. ihm platzmachen
würde. Kinder bloß- u. schwarzbeinig. Gut angezogene Mäderln in hohen Gummi-
stiefeln. Offenbar haben sie nur solche Beschuhung gegen d. Regen. Und d. Sonne
schien. Hier ist noch richtig zerlumptes altes Italien u. schaut gierig nach unserem
Essen – traut sich aber nicht zu Betteln. Nachher noch einmal in d. Galerie u. dann
hinüber zur Mostra, die noch keinen Katalog hat u. kaum Aufschriften, aber endlos
groß ist. Das 19. haben wir kaum mehr gesehen, aber d. früheren Jahrhunderte sehr
lehrreich gefunden. Todmüde nachhaus u. auf ein Stündchen ins Bett : In d. Nähe
genachtmahlt, in einem ganz kleinen, sehr netten Beiselchen, herrliche Calamaretti
fritti mit Salat u. Rotwein. Es besteht erst seit einer Woche u. d. junge Wirt ist ein
Deutschböhme, der Koch in d. vornehmsten sizilian[ischen] Hotels war. Wir haben
ihm herzlichst Glück gewünscht
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24. [März] vormittag
(Wir warten in d. Uffiz[ien] auf erbetene Z[eichnung]en) Lange nicht geschrieben !
Vorgestern war d. Reisetag von Neapel herauf, mit Pause in Rom von ein paar Stun-
den. Ankunft in Florenz erst um 11 nachts. Burgs im Hôtel Metropole, wir im Uni-
verso. Wir sahen uns erst am nächsten Morgen. Das war gestern. Fortsetz[ung] Do-
polavoro. Erst gingen wir – wieder ist d. Stadt ganz aufgerissen – zum American
Express, wo wir von Stella einen lieben Brief fanden u. von Anderl einen. Nichts von
d. Kindern. Dann trafen wir Burgs u. machten mit ihnen eine Vormittagspasseggiata,
die als äußeres Ziel d. Casa Visani u. als inneres Ziel unsere Lage hatte. Sie boten
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Erica Tietze-Conrat
Tagebücher, Volume II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
Entnommena aus FWF-E-Book-Library
- Title
- Erica Tietze-Conrat
- Subtitle
- Tagebücher
- Volume
- II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
- Editor
- Alexandra Caruso
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2015
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79545-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 346
- Category
- Biographien