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Tagebuch 1938/1
London. – Dann war noch ein Flugpostbrief von Lili von 11. abends da, ganz unter
dem ersten Choc, den sie dank d. später aufgehenden Sonne schon am 11. früh er-
fahren hatte. Dadurch hat sie ihre Reise auch nicht angetreten u. fragt, ob sies über-
haupt tun soll. Sie käme nur, wenn sie auch Mama nach Sao Paulo gleich mitnehmen
könnte
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Wir haben unsre Arbeit begonnen. Es war uns ein wenig sehr ungemütlich vor
diesem Riesen–, ungesichteten Material. Aber das kann am ersten Tag nicht anders
sein. Wir speisten wieder mit Burgs, die sich am Nachmittag auch bei d. Z[eich nun-
g] en aufhielten, holten dann Geld bei d. Cit suchten einen Kunsthändler auf, der
abgesperrt hatte u. sitzen jetzt zuhause.
25. [März]
Heut kam ein Brief vom Felix aus Dieppe, man hat ihn u. Hanki nicht in New Ha-
ven hineingelassen ! Er mußte zurück. Furchtbar. Er bittet uns, Hertha mitzuteilen,
daß alles in Ordnung ist, er hofft in wenigen Tagen die Reise erfolgreich antreten zu
können. Gleichzeitig regt Amerika an, daß d. Länder d. aus polit[ischen] Gründen
Emigrierten unter leichteren Bedingungen aufnehmen sollen. Diese Nachricht ist gut.
Ebenso ein Brief von Cook, der Hoffn[ung] auf Toledo eröffnet. Wir haben gut gear-
beitet, immer noch im Quattrocento u. Anf[ang] XV. (Giorgionegruppe, Carpaccio).
Mit Burgs wieder Mittag gegessen
– sie sollen heute abends unsere Gäste sein
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26. [März]
(Dopolavoro) Die „festa“ ist sehr gut verlaufen ; Burg war sehr übererregt, er hat Ge-
neralvollmacht über d. Reifenbergsche Vermögen u. so viel Ärger mit d. Söhnen. Wir
haben heute früh eine reichliche Post gehabt. Erfreulich d. erste Brief von Burgel
u. von Stoffel, weniger daß Felix anscheinend nach London muß, nicht mehr nach
Wien zurückkann u. aus seinem Dieppe nicht weiter kommt. Wie wir jetzt gehört
haben, war das nach England Hineinkommen auch für Stoffel nicht leicht ; er war
in Folkestone 24 Stunden interniert, bis ihn Stella nach langem Bohren im Home
Office bis Hoare hinauf herausholte. Jetzt hat er seinen Aufenthalt für 3 Monate
bekommen u. ist selig. Wir haben in d. Uffizien nur bis eins gearbeitet, waren nach
Tisch in d. Gallerie (sehr genußreich) und dann in ein paar Kirchen ; schließlich bei
Brogi, wo wir Zeichnungenphotos durchsuchten u. bestellten.80
28. [März]
Gestern Sonntag, bin ich nicht zum Schreiben gekommen. Wir waren früh im Bar-
gello, in d. Domopera u. in d. Accademia, wo noch immer die herrlichsten Michelan-
gelo-Originale neben d. Gipsabgüssen stehen ! Nach Tisch haben wir Burgs im Hotel
abgeholt u. sind nach Fiesole gefahren. Wir mußten stehen, so voll war d. Vehikel,
nahmen aber oben dann um 2 L. Entrata ins röm[ische] Theater (d. h. wir hatten so-
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Erica Tietze-Conrat
Tagebücher, Volume II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
Entnommena aus FWF-E-Book-Library
- Title
- Erica Tietze-Conrat
- Subtitle
- Tagebücher
- Volume
- II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
- Editor
- Alexandra Caruso
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2015
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79545-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 346
- Category
- Biographien