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Tagebuch 1938/1
30. [März]
Wir haben viele Photos gekauft, die uns das Selbstphotogr[aphieren] etwas ersparen.
Georg schrieb aus London, eigentlich energisch u. hoffnungsvoll. Über Bettina, daß
sie sich mit Lampls u. Wlachs in London als kunstgewerbl[iche] Werkstätte auftun
wolle. Und woher das Permit nehmen ? ! Die Arbeit stellt uns jeden Tag vor neue
Rätsel. Jene Aufschrift „Maganza“ scheint zwar alt zu sein – aber ist sie auch eigen-
händig ? Haben wir nur neue Beispiele für unsre „Gruppe“ gefunden oder wirkl[ich]
auch d. K[ün]stler ? Wir waren bei jenem Antiquar, der eine Büste Messerschmidts
(als Tacca) haben sollte, die wir wenn möglich für Burg erwerben sollten. Er hat uns
d. ganzen Laden gezeigt, aber wir haben d. Büste nicht gefunden ! Wir haben auf
alle mögliche Weise danach gefragt, er hat aber nichts von d. Büste gewußt. Dann
haben wir in einem anderen Geschäft Z[eichnung]en angesehen, aber kaum was rech-
tes gefunden (das meiste 19. Jh.). Nur eine kleine aber herzige Federzeich[nung] aus
d. M[itte] d. 15. Jhs hat uns gefallen, ein Jupiter nackt über 2 Putten mit 2 Engerln
sitzend, der d. Fuß auf einen hinuntergeschmetterten Saturn stellt, der einen Kopf-
sprung zu machen scheint. – Ein 2. Blättchen dazugehörig, ein Mann einen Baum-
stamm, d. h. Baum haltend mit Aufschrift DEMIPHON. Wir wollen d. Sache noch
nachgehen. Heut kam ein rührender Einladungsbrief von Franzens Vater
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31. [März]
Ich bin heut bisserl matsch*, will nur kurz schreiben. Früh ein Brief von Stoffel mit
1) 2) 3) bis ich weiß nicht wie viel. Aber im ganzen ein bißchen sehr trocken. Da wir
aber wissen, wie stolz er gerade darauf ist, daß er so „sachlich“ etwas „erledigen“ kann,
so wirkt es nur komisch. Die Einreise d. Fixlein scheint jetzt durchgesetzt zu sein, er
mußte sich nur verpflichten, nicht als Arzt, sondern als – Übersetzer seinen Lebens-
unterhalt zu verdienen. 9 Tage hat er in Dieppe darauf gewartet !
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Wir halten jetzt bei der Tintoretto-Cartella. Überwältigend – und eine Riesen-
arbeit. Die wird uns sicher mehrere Tage kosten, bis wir nur durch das Material ge-
kommen sein werden. Wir fanden eine Zeile von Prof. Bianchi Bandinelli vor (Prof.
d. Archäol[ogie] in Pisa), daß er uns in seinem Hause erwarte. Wir gingen um ½ 5 zu
ihm (Via S. Nicolo 95), er wohnt in einem köstlichen Palazzo, die ganze Wohnung
(sehr kultiviert eingerichtet) auf der eine große Terrasse, die ihrerseits wieder auf ei-
nen steilen Garten geht, der ganz voll blühender Sträucher war. Man sah aus großen
Fenstern hinaus wie in ein Pflanzenaquarium. Der Professore ist Mitte 30, spricht
glänzend Deutsch, hat er doch in Groningen ein paar Semester lang deutsch[es] Kol-
leg gelesen. Im Handumdrehen war man im Gespräch bei d. aktuellen Fragen ange-
langt, bei deren Besprech[ung] weder er noch seine Frau sich eine Reserve auferleg-
ten. Wir klagten ihm unsere vergeblichen Bemühungen, von Ragghianti d. Photos zu
* erschöpft
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Erica Tietze-Conrat
Tagebücher, Volume II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
Entnommena aus FWF-E-Book-Library
- Title
- Erica Tietze-Conrat
- Subtitle
- Tagebücher
- Volume
- II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
- Editor
- Alexandra Caruso
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2015
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79545-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 346
- Category
- Biographien