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Tagebuch 1938/1
Auch Posse soll schon weg sein – wegen d. Bilder, die er seinerzeit für d. Museum von
Lebenden erworben hat. Glaser erzählt uns (aus d. Weltkunst), daß Leporini Leiter d.
Alber t[ina] geworden – wir hoffen, daß diese Nachricht sich nur auf d. provis[orische]
Leitung während Reichels Krankheit bezieht.96
9. [April] abends
(Noch immer keine Nachricht von St[offel] u. B[urgel] Wir warten schon viele
Tage –) Ich hab noch im Bett an d. Lili geschrieben u. d. Zettel an Stoffel geschickt,
damit er an sie weiterschreiben u. luftposten kann. Im Gabinetto – heut nur bis
1 Uhr – haben wir Ornamenti u. Ferraresi angesehen u. Tint[oretto] weiter pho to-
gr[a phiert]. Nach Tisch im Pitti. Dann beim Kunsthändler Volterra, der uns – zwei
Tizians zeigte. Das eine, das er leider schon gekauft hat, ist eine Kopie der irdischen
Liebe u. z. angelegt auf Alleinsein, in dem daß d. Laubkrone über d. Brunnen gleich
nicht gemalt wurde ; nur sehr wenig Farbe sitzt auf d. Leinwand, also man ist dem
alten Tizian ganz an d. Leib gerückt
– trotzdem ist d. Liebespärchen r[echts] im Gras,
das das
– gereinigte
– Original sehr deutlich wieder zeigt, ebenso wenig zu erkennen,
wie es auf dem Borghesebild vor d. Reinigung noch 1933 nicht zu erkennen war. Die
Kanten d. Brunnens gehen deutlich durch d. Finger durch wie auf d. Borghesebild.
Doch soll es von Suida expertiziert sein ! – Das zweite ist eine Andromeda wie die
der Wallace-Collection, nur geschönt u. d. ganzen Tintoretto durchpassiert. Ein sehr
pikantes Bild, wohl um 1600. Auch dieses ausschließlich auf d. Dame hin angelegt,
indem daß diesmal d. Perseus weggelassen wurde u. d. Meeresungeheuer noch unan-
gefochten das Maul aufreißt. Ich fand dort auch d. gewisse mai länd[ische] Bild, das
ich schon (aus einer Vente ?) gekannt habe u. das eine Frau mit Flügel in d. Hand
darstellt u. eine Hieroglyphe d. Horapoll darstellt. Ich will es nächstens im Institut
im Giehlow für ihn nachschlagen. Er schickte uns dann (wegen Handzeich[nung]) zu
Prof. Clementi in d. Via Maggio –) der in einem prachtvollen Palazzo (Ricasoli) im
1. Stock seinen Laden hat. Wir wählten eigentlich eine Z[eich nung] aus d. Anf[ang]
d. 16. aus, waren aber von einer großen Terracottagruppe von Begarelli ganz entzückt.
Ein Museumsstück ! Es wurde fast sechs, bis wir wegkamen. Wir besuchten dann
Ditta Santifaller, die nach Florenz gekommen ist, um sich hier f. d. Prüfung vorzube-
reiten u. jetzt schon wieder d. 4. Tag fiebert u. zubett ist.97
10. April.
Also heute ist der große Wahltag. Dazu hier ein erbärmliches Wetter. Ein kalter Or-
kan, der allen Staub den d. Restaurierungsarbeiten hier aus der Erde holen, wirbeln
läßt ! Wir waren erst bei d. Eröffn[ung] d. deutschen Ausstell[ung] im Gabinetto, wo
wir nur Pfötchen gaben u. uns wieder verzogen. Wir trafen dort Prof. Ganz, der nach
einer Führung von 160 Schwizzern (wenn auch unter Assistenz von 6 Kunsthistori-
kern !) sich erholte. Im Museum Archeologicum haben wir herrliche Kleinbronzen
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Erica Tietze-Conrat
Tagebücher, Volume II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
Entnommena aus FWF-E-Book-Library
- Title
- Erica Tietze-Conrat
- Subtitle
- Tagebücher
- Volume
- II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
- Editor
- Alexandra Caruso
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2015
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79545-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 346
- Category
- Biographien