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Tagebuch 1938/1
18. [April]
Mein Gott, liegt das wieder zurück ! Und nur einen einzigen Tag bin ich nicht zum
Schreiben gekommen ! Das war d. Ostersonntag. Sehr besetzt. Früh draußen noch
einmal bei Mr. Acton ; er hat wirklich wundervolle Primitive ; Holzfigur von einer
Kreuzigung wie die in Tivoli u. noch frühere. Ein entzückendes kleines Bild mit
Goldgrund in dem d. gereckten Pferdehälse einer Kreuzigung mit Gewimmel (Alti-
chiero ? Avarzo ?) Silhouetten schneiden. Er hat uns zwei unbedeutende Bilder ([…]
Savary (Sign.) u. ein Holländer oder vielleicht doch Franzose, eine figurenreiche
Küste) gezeigt, die er gegen etwas italien[isches] umtauschen möchte
…
Wir fuhren durch d. Via Milton zurück, wo er uns (Nr. 21) die Händlerin Viciani
zeigte (sie war aber nicht zuhaus). Dann schrieben wir auf Pierre’s Maschine den
Antwortbrief an Godwin, der so lange dauerte, daß wir statt um 12 (wie wir’s Mrs.
Hartley versprochen hatten) erst nach ein Uhr zu Visani zum Essen kamen. Pierre
war schon im vollen Redefluß. Es war alles sehr gut gemeint, aber das Huhn doch so
zäh, daß der arme Hans eine Zahnkatastrophe davontrug
…
Wir saßen lang an d. Terrasse u. stiegen dann zur Stadt hinunter in die Via Al-
bizzi
9, wo uns Offner einen sehr geschmackvollen Tee u. seinen weniger geschmack-
vollen jüngsten Bruder aus Hollywood servierte. Gleichzeitig lud er uns zu Lapi dapi
zum Nachtmahl ein, wohin auch Mrs. Loeser kommen wollte. Wir ruhten uns vor
diesem festa erst ein Stündchen zuhaus aus u. das war sehr gut, denn das Lokal dort
im Keller des Palazzo Antinori (mit d. vielen Plakaten, wir waren schon mit de Ni-
cola dort) war sehr nervenbeunruhigend. Man stolperte, wenn man über d. Treppe hi-
nunter den Raum betritt, bei d. offenen Herden mit Köchen u. Küchenjungen vorbei,
die unausgesetzt springend, gestikulierend, schreiend wie auf einer großen Kasperl-
bühne im Biergarten einem im Blickfeld bleiben
…105
Heute wars schwül. Wir konnten – trotz Ostermontag – im Gabinetto arbeiten,
haben es aber nur bis Mittag getan. Um 3 waren wir bei Mr. Murray, Via Lamar-
mora 6, der uns eine großartige Z[eichnung], ein Fragment von einer Trajanswitwe
zeigte, die Fiocco dem jüngsten Mantegna zuschreibt. Dieser Name hat viel für sich,
ist aber doch nicht durchaus befriedigend. Ich denke, daß AD [Albrecht Dürer] sein
„Ding“ gekannt haben muß. Sonst war ein Riesenblatt mit Miniatur singender Mön-
che, vollaus bezeichn[et] u. datiert von Abbas Benedictus, d. Bruder d. Fra Angelico,
sehr eindrucksvoll. Dann gingen wir schön langsam zu Mrs. Loeser hinauf (Torre di
Gattaia) wo wir erst Tee, dann d. S[amm]l[un]g sahen. Die Z[eichnung]en sind ja seit
paar Jahren in Harvard und im Palazzo Vecchio sind 3 Loeserzimmer eingerichtet,
aber sonst ist noch, weiß Gott, genug im Haus geblieben ! Wiederum Primitive, der
große Savoldo (Elias), eine entzückende M[adonna] + K[ind] stehend („Guercia“)
aus Holz, eine sehr innige Maria (unter d. Kreuz) 2. H[älfte] 13., ein ausgezeichneter
Strozzi, eine Magd[alena] von Crespi, eine von Furini, Antike, viele u. vorzügliche
Bronzen, sicher 1000 Gegenstände u. noch ein Zimmer mit Cézannes. Wir kamen
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Erica Tietze-Conrat
Tagebücher, Volume II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
Entnommena aus FWF-E-Book-Library
- Title
- Erica Tietze-Conrat
- Subtitle
- Tagebücher
- Volume
- II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
- Editor
- Alexandra Caruso
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2015
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79545-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 346
- Category
- Biographien