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Tagebuch 1938/1
erst um ½ 9 zum Nachtmahl, so lange dauerte d. Besuch. Das Schönste aber sind
immer d. Ausblicke in den Garten (der jetzt auf alles goldgelb zum Blühen gebracht
war, was danach ins Blaue gewandelt werden soll) und auf Florenz, dem man seine
aufgeriss[enen] Straßen, seinen Staub, seinen tropfenden Anstrich aus solcher Pers-
pektive nicht mehr verübeln kann.106
19. [April]
Wir sind noch vor d. Frühstück fort u. waren den ganzen Tag in Siena. Es war wohl
der kälteste Tag, den wir erlebt haben ! Trotz tiefem Blau haben wir erbärmlich gefro-
ren. Die Z[eichnung]en in d. Bibliot[eca] Comunale, in verschiedenen Klebebänden
untergebracht, sind zu geringem Teil gut, aber auch dieser geringe Teil hat mehr lo-
kales Interesse. Die von Zocchi als Tizian publiz[ierte] Z[eichnung] (Arte 1935) fällt
tatsächlich heraus. Aber ist es ein Tizian ? Wir meinen schon, eine venez[ianische]
Kompos[ition] aus d. Jahrhundertmitte vielleicht, aber im 17. aufnotiert. Das Mu-
seum ist im Palazzo Buonsignori neu aufgestellt. Man hat tatsächlich einen sehr
starken und runden Eindruck d. Sieneser Malerei, die ungebrochen durch d. Jahr-
hunderte ihre Eigenart klar entfaltet. Ein großes Material – groß besonders, wenn
man bedenkt, daß d. Hauptstücke doch an anderen Orten d. Stadt zu sehen sind.
Ein wissenschaftl[ich] gearbeiteter Katalog, den wir gekauft haben. Mittag war alles
geschlossen, sodaß wir ins Gasthaus mußten. Es war am Hauptplatz gelegen, wo im
August oder wann das große Fest ist. Wir saßen an derselben Seite d. Tisches, um d.
Aussicht bewundern zu können. Dicht davor die Oleander unseres Schanigartens*
bogen sich im Winde. Drüben die Uhr stand unentwegt auf ein Viertel drei. Wir
wollten es tatsächlich nicht glauben u. schauten lange zu, ob sich d. Zeiger nicht am-
ende doch bewegten. Dabei aber zeigte sie auch die Ziffer 19 auf, das Datum, das ich
darum, ohne erst den H[ans] fragen zu müssen, oben über meine Tageseintragung
schreiben konnte.
–107
21. [April] spätabends.
Gestern hab ich nicht geschrieben. Wir waren früh in der Marucelliana, die aber
nichts für uns hatten – wir haben alle Z[eichnung]en durchgesehen. Nachher ging
Hans zum Zahnarzt u. ich nachhaus. Der arme kam mir eine Stunde später nach
…
Am Nachmittag haben wir im Institut gearbeitet u. d. Abend bei Prof. Offner
verbracht. Sein junger Bruder war ausgeschaltet, da die Unterhaltung Offners Se-
kretärin Dr Steinbeck (?) zuliebe, deutsch geführt wurde. Heute
– Natale di Roma
–
alles geschlossen u. schlechtes Wetter in d. früh (das aber am Abend sich ganz wie-
der aufheiterte). Wir besuchten den Restaurator Markicz (ums Eck), der uns nette
Kleinigkeiten zeigte u. wiederum an Asta in Venedig wies. Dann Prof. Clementi,
* kleiner Gastgarten vor dem Lokal
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Erica Tietze-Conrat
Tagebücher, Volume II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
Entnommena aus FWF-E-Book-Library
- Title
- Erica Tietze-Conrat
- Subtitle
- Tagebücher
- Volume
- II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
- Editor
- Alexandra Caruso
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2015
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79545-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 346
- Category
- Biographien