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Tagebuch 1938/1
bei dem wir wiederum die Primitiven ansahen u. ein besonders komplettes u. glän-
zend erhaltenes ganz kleines Andachtsbild von Ortolano (Christus als Gärtner).
Zumittag bei „Oreste“, da alle Geschäfte geschlossen waren. Dann ins Bett, teils
dieszuhalt teils außerdem weil’s so kalt im Zimmer war. Um 3 Appuntamento mit
Glaser, Pudelko[s], beim Conte Contini, wo wir aber nicht d. einzigen Sightseer
waren. Der Conte groß, schön, sehr der prächtige Typ eines Edelcondottiere ; der
Sohn glatzig u. schlechte Haltung als wäre er d. Vater (beide in Schwarzen Hem-
den !), die Comtessa – eine sehr business like Köchin. Die Galerie unendlich groß
u. z[um] T[eil] absolut erstklassig. Von Raffael eine Z[eichnung] (f. d. Libreria Pin-
turicchios) u. die 2 „verlorenen“ Bildchen Katharina u. Johannas von 1504. Von
Spanien alles was Namen hat, darunter auch von Zurbaran eine Geburt Mariae,
zu der wir angeben konnten, daß d. ganze Kompos[ition] aus D[ürer]’s Marienle-
ben zusammengezogen sei. Von Tintoretto einiges sehr interessantes, (nur fraglich
ob Jacopo selbst) : Conversio Pauli, eine Schlacht (riesengroß), die sich um Asolo
dreht, ein Johannes Ev[angelista] auf Patmos (sicher Do[menico]) u. s. f. zwei Rie-
senflügeln
– Profet (ganz jugendlich) und Sibylle
–, die Fiocco dem ganz alten Bel-
lini gibt. (Von d. Tintor[ettos] versprach man uns Photos). Tizians – dank Suida u.
Longhi – die Menge. Die sehr gute Ruhe auf d. Flucht aus d. Leopold Wilh[elm]
S[amm]l[un]g. Eine Kleinausgabe d. Urbinobildes Abendmahl. Ein großes Abend-
mahl mit d. Figuren von Rizzo in Hintergrundnischen (das muß ich schon ir-
gendwo gesehen haben), d. Auferstandene (Longhi
– Tiz[ian] ), der Doria (Suida
–
Tizian), übrigens ein viel besseres Bild, als man nach d. Reprod[uktion] schließen
konnte. Ein hl. Paulus, der aus d. Giorg[ion]esken Frühzeit stammen soll, mir aber
eher wie ein Savoldo aussah u. s. f. Wir flohen vor dem Tee, vollkommen gerädert
vom Schauen Schauen Schauen (das Lottobild, dessen Sebastian ich immer mit d.
Talpino verwechsle, war auch dort, eine entzückende M[adonna] + K[ind], sitzend
auf d. Erde (?), die Masolino heißt, weicher Stil, ein Sassettialtar, ein Uccellofrag-
ment, eine Castagnoaltartafel u. s. f.).108
Wir holten Mrs. Hartley in S[anta] M[aria] Novella ab und gingen mit ihr Tee-
trinken, fuhren dann zu Shapleys, wo wir d. Abend verbrachten. Die Frau ist reizend
menschlich verstehend, ohne Worte. Die Kleine krank zu Bett. Der Mann krank
außer Bett. Wie ein Geist eines an Leber- oder Gallenleiden Verstorbenen. Ähn-
lich auch in Gemüt u. Ausstrahlung. Als wir weggingen, war draußen finstere Nacht
u. alle Lampade d. Hauses kaputt bez[iehungsweise] unauffindbar. Der alte Emilio
faßte mich links, H[ans] rechts unter, u. so stiegen wir bei Kerzenlicht, das flackerte u.
schließlich ausflackerte, d. Weinberg hinunter. Unten war das Tor zugesperrt, die […]
wohnte weiß Gott wo. Über einen Wiesenpfad brachte uns Emilio an ein anderes,
weiter ab liegendes Türchen. Wir waren überzeugt, d. Filovia nicht mehr erreichen zu
können. Erreichten sie schließlich doch
– Laufschritt.109
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Erica Tietze-Conrat
Tagebücher, Volume II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
Entnommena aus FWF-E-Book-Library
- Title
- Erica Tietze-Conrat
- Subtitle
- Tagebücher
- Volume
- II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
- Editor
- Alexandra Caruso
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2015
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79545-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 346
- Category
- Biographien