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Tagebuch 1938/1
wollte uns aber morgen „Tizians“ u. „Bellinis“ in seiner Wohnung zeigen. „Tintorettos“
hatte er auch, sind aber jetzt verkauft. Die Bekannten von Frau Reifenberg sind über
d. Sonntag in Lugano. Wir schwanken noch, ob wir nach Zürich sollen oder nicht.
–117
Abends.
A busy day. Zuerst im Brera, Morassi seit einem Monat verreist, soll aber heut oder
morgen heimkehren (hat also unseren Brief noch nicht bekommen). Die Galerie
herrlich wie immer. Haben d. gewisse Bonifaziozeichn[ung] als Studie für d. Gruppe
r[echts] im Bilde
– Moses wird von d. Prinzessin aufgenommen
– erkannt. Überhaupt
ein merkwürdiges Bild : eine Verbind[un]g einer Auffind[un]g Moses mit einem Lie-
besgarten d. hl. Magdalena (in diesen Komplex gehört auch d. Kulmbachz[eichnung]
im Staedel (?)). Nach Tisch begannen wir beim Commendatore Pesaro den Kunsthan-
delgiro. Die frühe Bellinimadonna, die er uns heute im Original zeigte, hat uns nicht
befriedigt, obwohl sie schöne Teile hat. Sie geht sehr gut (auch in d. Landsch[aft])
mit dem frühen Bellini in Newport zusammen. Aber ist das auch wirklich Bellini ? !
Wir besprachen für unsere Rückkehr nach Mailand alles Nähere, um d. Cariani u. den
Ant[o nello] d. Messina im Original sehen zu können. Die anderen Kunsthandlungen
waren unerfreulich. Eine Ausnahme nur Ferrari u. z. die Bilder in seiner Wohnung
(Via …… 17), wo uns d. taube Bruder u. ein sympath[ischer] junger Neffe empfingen.
Der kleine versprochene Tizian (Mad[onna] + K[ind]) mit Expertisen von „allen“ war
wohl eine Fälschung. Gut das große vielfigurige Santa Conversationebild mit Stifter-
paar (in hereinragenden Brustbildern), das Van Marle u. andre (einer in langem Arti-
kel !) als späten Bellini veröffentlichten. Das ist es nicht, eher Previtali oder sonst ein
K[ün]st ler 2. Ranges. Aber ein wahres Museumsstück trotz alledem (viel zu bunt f. d.
späten Bellini). Sonst hatte er amüsante Bilder. Eine Schulmeisterszene (nach Fiocco
Pietro Vecchio, wir glauben später), eine ganz entzückende, sehr merkwürdige Szene,
eine H[ei]l[i]ge, bei der ein Engel u. ein Löwe (schlafend), bekommt letzte Zehrung
von Bischof. Ich habs für Pittocchi gehalten, aber Hans hat es mir nicht erlaubt, daß
ich es auf ihn bestimme ! Ein hl. Hieronymus, nicht sehr groß, wohl venezianisch, aber
von einem ganz primitiven zurückgeblieb[enen] Gesellen vom Anfang d. 16. Es ist
aus lauter Plagiaten verschiedener Dürerstiche zusammengesetzt, als Enddaten 1504 !
(Wir haben d. Photo[graphie] versprochen bekommen). Es war eigentlich ein amü-
santer Besuch u. die Fahrt nachher im Autobus durch d. halbe Stadt sehr entspan-
nend. Jetzt haben wir Briefe geschrieben u. a. dem Anderl, von dem wir einen am 26.
geschriebenen heute im Amexco empfingen. Danach kommt es wirklich zu einem
Wiedersehen in Zagreb ! Juchee ! ! !118
2. Mai.
Heute kommt der Führer nach Italien. Ich habe gestern nicht geschrieben, der Tag
war zu anstrengend ! Früh […], Castello, nachmittag Ambrosiana. Lauter Samm-
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Erica Tietze-Conrat
Tagebücher, Volume II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
Entnommena aus FWF-E-Book-Library
- Title
- Erica Tietze-Conrat
- Subtitle
- Tagebücher
- Volume
- II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
- Editor
- Alexandra Caruso
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2015
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79545-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 346
- Category
- Biographien