Page - 245 - in Erica Tietze-Conrat - Tagebücher, Volume II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
Image of the Page - 245 -
Text of the Page - 245 -
245
Tagebuch 1938/1
Wurzerei antwortet der demokratische Freistaat auf Roosevelts Anregung d. Erleich-
terung d. Einreisen !119
4. Mai Chiasso.
Wir haben zwei Tage in Lugano hinter uns, die wir sehr genossen haben. So ein
Schweizer Hotel ist kein leerer Wahn, wenn es auch ital[ienische] Schweiz ist. Der
Ort ist reizend gelegen, die Sonne war wundervoll. In d. Nacht ein Regenguß, der d.
Staub löschte. Post (mit Geld) von Holbein u. Burg (d. Rückzahlung d. für d. Büste
ausgelegten) funktionierte, dazu ein positiver Brief v. Stoffel. Leider nix von Trödhan !
Wir haben d. alten Maler Sigm[und] Lanzinger aufgesucht, der ein Schüler Böcklins
ist u. immer noch in dieser Art malt – und unterrichtet ! Er ist 83 Jahre alt, stammt
aus einem Ort bei Ossig, hat 4 Jahrzehnte in München gelebt, viele Jahre in Florenz
in Graz u. weiß Gott wo. Kam nach Lugano vor 13 Jahren u. will hier sterben. Macht
nicht Miene bisher. Hab noch nie so forschen Kerl gesehen wie diesen Alten ! Voll
von Erinnerungen an Böcklin u. alle alten Kunsthistoriker vom alten Liphart an-
gefangen bis Dörnhöffer. Erzählte wie ihm d. alte Liphart über d. Gartenmauer in
Florenz an d. Nachbarmauer eingesetzt d. gewisse Michelangelorelief zeigte. Der alte
hob ihn, der damals noch jung war, über d. Mauer, ums ihm zu zeigen
…120
Er besaß nur mehr drei Z[eichnung]en, zwei andere hat er schon vor Jahren ver-
kauft (Helbingauktion – u. z. die erste die Helbing machte – 1892 (?). Von ihm
stammt z. B. d. gewisse Cascinaschlacht Z[eichnun]g, die heute in d. Albertina ist,
u. nicht mehr als M[ichelangelo] anerkannt wird. Er hat sie beim Zimmersuchen in
Wien gefunden. Die 3 Z[eichnung]en, die er noch hat : eine Rötel, die
– wie er sagt
– f.
eine Figur Raffaels in d. Disputa bestimmt war. Eine Kreidez[eichnung], die Miche-
langelo für seinen David gemacht hat (sie stimmt mit d. Modell im Buonarottimu-
seum überein – nicht mit d. Marmor). Die Z[eichnung] hat große Schwächen, die
wohl nur z[um] T[eil] auf eine Überarbeit[un]g zurückgeführt werden können. Die 3.
Z[eich nung] ist ein sog[enannter] Gainsborough, der eine Allee in einem englischen
Park vorstellt. (Nach meiner Meinung ist nur d. Michelangeloz[eichnung] interssan-
ter). – Lanzinger bat uns auch eine S[amm]l[un]g von kunstgewerbl[lichen] Gegen-
ständen bei einem Freund (Segel) anzuschauen. Die war aber trostlos. Amüsant nur
ein großes Bild den Prozeß vom Sankt Bernhard darstellend, als sie kontraktbrüchig
geworden. Es ist von Oscar Rex gemalt einen Munkacsy imitierend u. voll von Por-
träts. Das war aber unsre ganze kunsthistor[ische] Betätig[un]g. Sonst haben wir nur
ausgeruht, ins Grüne geschaut auf die Berge
– ins Tiefblaue auf d. Himmel u. auf den
See. Und uns für zwei Monate Italien mit allem, was notwendig ist, versorgt.121
5. Mai
Dopolavoro – ein busy day. Mit Morassi in touch, um d. teleph[onischen] Anruf bei
Galbiati (Ambrosiana) zu erreichen, u. das Appuntamento für Rasini – über d. Fens-
back to the
book Erica Tietze-Conrat - Tagebücher, Volume II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)"
Erica Tietze-Conrat
Tagebücher, Volume II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
Entnommena aus FWF-E-Book-Library
- Title
- Erica Tietze-Conrat
- Subtitle
- Tagebücher
- Volume
- II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
- Editor
- Alexandra Caruso
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2015
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79545-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 346
- Category
- Biographien