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Tagebuch 1938/1
à la Bridgewater-Aktäonbild. Sehr interessant. Aber d. Vordergrund mit Waffen
etc. l[inks] u. r[echts] ganz übermalt – wenn nicht – die Waffen – überhaupt 17./18.
hinzugestrich[en]. Beim American holten wir unsere letzte Post u. adressierten um
auf Verona bez[iehungsweise] Venedig. Wir packten zuende, es war sehr heiß gewor-
den u. versuchten noch einmal Pesaro zum Gang ad Restauratorem Antonallae abzu-
holen
– vergeblich. Im Castello hatten wir Appuntamento mit Nicodemi um ½ 5, um
mit ihm zum Principe Borronus zu gehen. Wir warteten erst in d. Bibliothek, suchten
Wildes Artikel über Fetti heraus u. bekamen dadurch d. Z[eichnung]en in Modena als
Folge Fettis bestätigt. Wir warteten dann im Hof vor seinem Bureau, alle Aufseher u.
Beamten, die Nicodemi kennen, waren verzweifelt ! Er kam ¾ Stunden nicht u. wir
gingen als d. lebendige Vorwurf von dannen (ich zwar sehr vergnügt, denn ich war zu
faul gewesen, mich „prinzlich“ anzuziehen). Abreise, volle Bahn, Ankunft (Albergo
Moderno, sehr gutes Zimmer, aber abends schon nur mehr kaltes corrente Wasser).
Rundgang durch d. untere Stadt wo zwei one man show in zwei richtigen Aus stel-
l[ungs] lokalen bis 10h nachts ingresso libero offenstanden ! Genachtmahlt in einem
Lokal, das augenscheinl[ich] nur für Mittagessen eingerichtet war. Zu Bett. So ruhig
geschlafen.128
13. [Mai] Nachmittag.
Bett, Bergamo. Der gestrige Tag in Bergamo, d. heutige auf einem Ausflug (Auto-
bus) nach Lovere, Trescore, beide einzig schön. Wetter herrlich (sommerlich), Arbeit
anregend, alles gelungen, ohne Post, unerreichbar – auf Ferien ! Gestern haben wir
viele Kirchen angesehen u. dann vor- u. nachmittag in der Accademia gearbeitet, wo
uns Conte Allessandri, ihr Keeper, die Z[eichnung]en zugänglich machte. 12 große
ungeordnete Volumeni, mit darin meistens Dreck – aber doch auch einiges Interes-
santes für uns. Die Galerie selbst ist ja wirklich besonders interessant für Venezianer.
Früh waren wir (auf Rat Allessandris) beim Grafen Moroni, weil dieser noch am sel-
ben Tag das Haus zusperren wollte, um sich aufs Land zu begeben. Ein alter Diener
führte uns u. war sehr traurig, uns alle Möbel schon „coperte“ zeigen zu müssen. Die
Samm l[ung] ist gut, vor allem d. Moronis natürlich ; ein drei-Fig[uriges]-portr[ät]von
Previtali, gute Guardis, Zuccarellis, Ghirlandai[os]. Die Dekorat[ation] d. Haus[es]
von Barbelli, dazu auch ein gedrucktes Programm (Hauses Büchl). Nach 5h auf d.
Bergstadt hinauf. Blicke hinaus, hinunter, hinauf, Palazzo um Palazzo mit Terras-
sengarten, Palmen. Der heutige Tag fing um 6h an, obwohl wir erst d. Wecker um
¾ 7 bestellt hatten – ich war so unruhig, gespannt auf d. Ausflug. Drum fuhren wir
auch mit einem früheren Wagen nach Trescore, hatten uns aber nicht gemerkt, wo
d. Lottokapelle war, eilten in eine nahgelegene Kirche, die’s nicht war. Inzwischen
kam d. nächste Autobus, mit dem wir ins Hügelland weiterfuhren, an alten Städten u.
Seen vorbei, nach Lovere, das am langgestreckten Iseosee liegt. So eine liebe Gegend,
so eine liebe Luft. Eine Pfarrkirche mit großen Vogelflügelreitern von Romanino, d.
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Erica Tietze-Conrat
Tagebücher, Volume II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
Entnommena aus FWF-E-Book-Library
- Title
- Erica Tietze-Conrat
- Subtitle
- Tagebücher
- Volume
- II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
- Editor
- Alexandra Caruso
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2015
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79545-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 346
- Category
- Biographien