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Tagebuch 1938/1
Ernst Buchner den Saal verlassen. „Es waren also keine unbedeutenden Leute in damaligen
Kulturkreisen, die hier protestierten. Wohlgemerkt handelte es sich dabei keineswegs um
Personen, die dem Nationalsozialismus besonders kritisch gegenüberstanden – im Gegen-
teil.“ Robert Schmidt allerdings bekam „die Feindschaft des Regimes daraufhin schnell zu
spüren ; er wurde verdächtigt, diese Informationen weitergeleitet zu haben, da er nach wie
vor Kontakte zu Museumsdirektoren im Ausland hatte“ (Heuß/Hansen 2002).
Die Geschichte der Diffamierung Rembrandts als „Ghettomaler“, die von ETC ziemlich
akkurat wiedergegeben wird, fand über mehrere Kanäle ihren Weg ins Ausland. So hatte
z. B. der Publizist Paul Westheim, der wiederum regelmäßig von seiner damaligen Lebens-
gefährtin über die Vorkommnisse in Deutschland unterrichtet wurde, bereits im Jänner
1938 über die Geschehnisse in der deutschen Exilpresse in Frankreich berichtet (Westheim
1985a, 271 ; Rotermund-Reynard 2010). 1942 schrieb Westheim ein weiteres Mal zu den
Vorkommnissen „Wenn nach den ersten Mitteilungen nun noch Zweifel bestanden haben
mögen, ob Rembrandt und Grünewald wirklich derart herabgewürdigt worden seien (auch
wir hatten das zunächst nicht für möglich gehalten), so lagen doch inzwischen so viele Be-
richte vor, mit so genauen und genau übereinstimmenden Einzelheiten belegt, daß an der
Tatsache nicht mehr gezweifelt werden konnte.“ (Westheim 1985b, 67.)
Klaus Graf von Baudissin – ab 1934 Direktor des Museums Folkwang Essen, 1937–1938
Amtsleiter im Erziehungsministerium, SS-Mann. „Er [Baudissin] wurde nun ins Kultus-
ministerium berufen und gab als Leiter der Kunstabteilung am 2. August die Anweisung,
eine ,Nachlese betr. entartete Kunst‘ in den deutschen Museen durchzuführen.“ (Janda
1992, 114.) „Sein Rasseglaube war zweifellos stärker als seine Kunsteinsicht.“ (Rave 2007,
31.) Walter Hansen, Prähistoriker und Zeichenlehrer aus Hamburg, beteiligte sich an der
Aktion „Entartete Kunst“ 1937 und war Autor von „Judenkunst in Deutschland“ (1941) (zu
Walter Hansen siehe Heuß/Hansen 2002, 419–431 ; Rave 1988).
8 Der Maler Leo Michelson lebte seit den frühen 1920er-Jahren in Paris. 1940 flüchtete er
in die USA und kehrte nach 1945 wieder in sein Atelier in der Rue Washington zurück
(Bouret 1963, 62, 64).
Sie speisten, vermutlich als Gäste von Leo Michelson, im berühmten Restaurant „Chez
Fouquet“ auf den Champs-Élysées.
Albrecht Dürer, Wappen des Salzburger Erzbischofs Matthäus Lang von Wellenburg bzw.
des Humanisten und Reformators Lazarus Spengler, 1516, J. Paul Getty Museum, Los
Angeles.
Diese Besprechung Mayers (Mayer 1937) war – nicht frei von persönlichen Eitelkeiten –
alles andere als wohlwollend ausgefallen. Wie in jenen Jahren üblich, fokussierte sich Mayer
in seiner Kritik vor allem auf Fragen der Zuschreibung bzw. Datierung von Werken Tizians.
HT, der an den kommerziellen Interessen, die mit den Zuschreibungen verbunden waren,
Anstoß nahm und insgesamt für einen zurückhaltenderen Umgang in diesen Fragen plä-
dierte, tendierte dazu, zahlreiche bisherige Zuschreibungen an Tizian infrage zu stellen.
Mayer war zu diesem Zeitpunkt selbst mit der Abfassung eines Werkkatalogs zu Tizian
beschäftigt. Dieser blieb unveröffentlicht und befindet sich heute laut Posada Kubissa im
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Erica Tietze-Conrat
Tagebücher, Volume II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
Entnommena aus FWF-E-Book-Library
- Title
- Erica Tietze-Conrat
- Subtitle
- Tagebücher
- Volume
- II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
- Editor
- Alexandra Caruso
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2015
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79545-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 346
- Category
- Biographien