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Tagebuch 1938/1
Gemäldegalerie – erstellt werden. Zimmermann griff dabei bedenkenlos auch auf zahlrei-
che Gutachten der von ihm Anfang der 1930er-Jahre hart abgeurteilten und nun als „Juden“
vollständig diskreditierten Experten Max J. Friedländer und August L. Mayer zurück. Nun
sah sich Zimmermann, der seinerzeit ein Disziplinarverfahren gegen Mayer angezettelt
hatte, selbst mit einem solchen konfrontiert. „So merkwürdig es klingt, ich bin heute in Dis-
ziplinaruntersuchung, weil ich angeblich Mayer begünstigen soll.“ (Aus einem Schreiben
Zimmermanns vom 5.8.1938, zitiert nach Winter 2013, 10.) Ob er dieses Verfahren
– sozu-
sagen präventiv
– gegen sich selbst eingeleitet hatte, konnte bisher nicht geklärt werden. In
jedem Fall wurde Zimmermann mit vollen Bezügen vorübergehend seiner Ämter enthoben
(Winter 2013, 14).
Ähnlich gelagert war die Sache bei Hans Posse. Dieser hatte in seiner Zeit als Direktor der
Dresdner Gemäldegalerie zahlreiche Werke zeitgenössischer moderner Künstler erworben,
was ihm nun zum Vorwurf gemacht wurde. „Anfang März 1938 wurde Posse dann überra-
schend ins Volksbildungsministerium beordert, wo ihm der Leiter […] nahelegte, wegen sei-
ner Ankäufe ,entarteter Kunst‘ die Versetzung in den dauernden Ruhestand zu beantragen.
[…] Posse bat um Bedenkzeit, reichte aber am 12. März 1938 das Pensionsgesuch ein […].
Einen Monat später war er jedoch wieder in der Galerie tätig, wo er die Ausstellung Deutsche
Kunst vom 15. bis zum Ende des 18. Jahrhunderts aufbaute.“ (Schwarz 2009, 231 [Hervorhe-
bung im Original].) Schließlich hielt Adolf Hitler selbst Posse für den geeigneten Fachmann
und ernannte ihn 1939 zum „Sonderbeauftragten“ für das Führermuseum (Linzer Kunstmu-
seum), ein Amt, das dieser bis zu seinem Tod 1942 ausübte. Zu Posse und dessen Tätigkeit
für das Führermuseum siehe u. a. Schwarz 2009 ; dies. 2004 ; Kirchmayr 2005.
Die Kunstzeitschrift „Weltkunst“ – Zentralorgan der reichsdeutschen Kunst- und Antiqui-
tätenhändler-Verbände (vorübergehend 1944 eingestellt).
Tatsächlich wurde Heinrich Leporini neben dem herzkranken Anton Reichel kommissari-
scher Leiter der Albertina. Reichel übte die Leitungstätigkeit jedoch vermutlich von 1942
bis Kriegsende aus (Gröning 2005, 88).
97 Karl Giehlow, Die Hieroglyphenkunde des Humanismus in der Allegorie der Renaissance,
besonders der Ehrenpforte Kaisers Maximilian I., in Jahrbuch der Kunsthistorischen
Sammlungen in Wien, 32, Wien 1915.
Nach der Approbation ihrer Dissertation „Die Radierungen Giambattist Tiepolos“ an der
Wiener Universität absolvierte Ditta Santifaller ein Ergänzungsstudium an der Universität
Florenz, „wo sie organisatorische Leiterin der ,Kurse für Ausländer‘ wurde und in der Folge
das Diplom für Kunstführungen (in vier Sprachen) und jenes für Übersetzungen erwarb.
1942 wurde ihr österreichischer Doktortitel von der Universität Florenz anerkannt, zudem
wurde ihr die Doktorwürde der philosophischen Fakultät verliehen.“ (Zu Santifaller siehe
Lebensaft o. J.; Vgl. TB 1938/1, erster Eintrag „Basel“.)
98 Die Vereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich sollte nachträglich per Volksab-
stimmung bestätigt werden. Angesichts einer diktatorischen Propagandamaschinerie und
der Ausschaltung aller oppositionellen Kräfte ging die Wahl mit einer Befürwortung von
99 % aus.
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Erica Tietze-Conrat
Tagebücher, Volume II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
Entnommena aus FWF-E-Book-Library
- Title
- Erica Tietze-Conrat
- Subtitle
- Tagebücher
- Volume
- II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
- Editor
- Alexandra Caruso
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2015
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79545-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 346
- Category
- Biographien