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Tagebuch 1938/2
habe, und von Anderl ein Brief, daß er am Samstag, d. 4. aus Stambul abzureisen
hoffe. Franz scheint dieser Tage endlich frei zu werden (oder schon zu sein ?), Nach-
richt von Trude, aber sehr unklar ; danach dürfte er die letzte Prüfung in Zagreb ma-
chen. Die Nachrichten von Trude immer spärlicher – u. düsterer. Wir haben schon
im Brief geschrieben, daß sie unsere Agenden einem Advokaten übergeben solle, der
unsere Abwesenheit offiziell behandeln möge.7
20. Juni.
Anderl kam am 8. [Juni] Er ist ganz unverändert, still u. heiter, arbeitet in d. Mar-
ciana, wo er gleich eine (türk[ische]) Handschr[ift] entdeckte, die ihm sehr wichtig
war, wandert mit uns in d. Stadt herum. Ein Ausflug nach Torcello, vom Wetter wun-
dervoll begünstigt, einer nach Chioggia mit einer schwülen u. regnerischen Stunde
gerade drüben beim Ankommen, aber dennoch eindrucksvoll. Wir haben gestern d.
Abschied-Europa-Brief auf d. Brittanic geschrieben erhalten, mit der Stoffel am 23.
in See sticht. Franz ist endlich frei geworden, aber erst 14. Er wurde zum erstenmal
verhört u. gleich weggeschickt. Er will d. Schlussprüfung in Wien machen. Maja, die
schon 6 Wochen wegen Nierenaffektion liegen musste, hat ein verfrühtes Kind ge-
boren, das keine Stunde lebte. Wir bekamen einen Flugpostbrief von Lili (am 7. ge-
schrieben). Jetzt erwarten wir Therese, die etwa am 24. kommen will, um Anderl (vor
allem) u. uns zu sehen. Und heut ist mein Geburtstag u. ich habe einen Hut bekom-
men, da ich im Jänner nur mit einem winternen auszog. Er ist dunkelblau, aus Filz u.
d. Ankauf war weniger schmerzlich, als er sonst zu sein pflegte. Arme Trude, die auch
heute Geburtstag hat
…8
30. Juni.
Vor paar Tagen
– am Sonntag, heut ist Donnerstag, es ist so ein Scirocco, dass ich auf
diese Daten nicht schwören möchte
– kam Therese. Und gestern früh kam Kurtl, der
die letzten Wochen, bevor er am 24. Juli sein Schiff in Neapel nach Australien be-
steigt, lieber in Italien verbringen will. Viele Erzählungen
– nichts Erfreuliches. Kurt
ist ein mutiger Bursch.9
4. Juli.
Und Freitag den 1. verließen wir Venedig, am Abend, die Buben brachten uns zur
Bahn, es war eine solche Augenfreude hinter ihnen zu gehen u. Anderl zu sehen, wie
leicht u. anmutig er unsre Koffer trug. Ob wir Kurt bei unserer Rückkehr noch vor-
finden werden ? Therese wird wohl auf uns warten. Anderl hat d. Absicht, heute nach
Zürich zu fahren. Wir blieben über Nacht in Triest (Hôtel Milano) u. sahen in d. früh
das Museum an u. 2 Kirchen, von denen nur die eine (S. Giusto) einen Eindruck
machte (Bened[etto] Carpaccio 1540). Dann brachen wir nach Zagreb auf, gerieten
gerade in Rakek (Grenze) in einen furchtbaren Gewitterregen u. in Laibach in eine
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Erica Tietze-Conrat
Tagebücher, Volume II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
Entnommena aus FWF-E-Book-Library
- Title
- Erica Tietze-Conrat
- Subtitle
- Tagebücher
- Volume
- II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
- Editor
- Alexandra Caruso
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2015
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79545-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 346
- Category
- Biographien